Zauberhaftes Ungarn - Reise durch das Land, seine Kultur und Geschichte  
 
 

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Kunst und Kultur in Ungarn

Volkskunst

1. Volksmusik

Die Wurzeln der ungarischen Volksmusik ruhen, gleich den Wurzeln der ungarischen Sprache, in der ungarischen Urheimat, im Gebiet vom mittleren Ural nach Osten bis zum Mittellauf des Ob und des Irtys im heutigen Russland. Vor rund 6000 Jahren begann hier der magyarische Exodus, der rund 5000 Jahre später, im Jahre 896, mit der magyarischen Landnahme endete. Selbstredend brachten die landnehmenden Magyaren auch Gepäck mit, und zwar neben materiellem auch immaterielles Gut, und unter letzterem - was uns hier besonders interessiert - auch ihre Volksmusik. Relikte dieser Volksmusik sind uns nicht erhalten geblieben. Wie vergleicht sich die Volksmusik zur Zeit der Landnahme mit jener zum Zeitpunkt des Exodus bzw. mit der uns heute bekannten? Dass wir diese Fragen ziemlich zuverlässig beantworten können, ist den bahnbrechenden Forschungen von Béla Bartók und Zoltán Kodály zu verdanken, die, mit einem Fonographen ausgerüstet, sich Anfang des 20. Jahrhunderts in entlegene Dörfer Ungarns und des heutigen Rumäniens aufmachten, um Volkslieder aufzuzeichnen.

1.1 Das ungarische Volkslied

Den Erkenntnissen Bartóks und Kodálys zufolge zeichnet sich das ungarische Volkslied durch folgende Eigenschaften aus:
  • Die Melodie ist fallend und basiert auf eine pentatonische Skala (sie benutzt fünf Töne). Die westeuropäische Musikwelt (von Populärmusik bis Klassik) bedient sich einer Skala aus sieben Tönen. Pentatonische Musik wird von westlichen Ohren daher als "fremd" empfunden. Da die Pentatonik ein Merkmal der Volksmusik jener großen asiatischen Völkergemeinschaft ist, von der sich das Ungarntum einst ablöste, wird angenommen, dass sie von den Magyaren als altes Erbgut zusammen mit ihrer Sprache aus ihrer Urheimat mitgebracht wurde.
  • Der gesungene Vortrag, ob männlich oder weiblich, ist ursprünglich Solo; er dient nicht in erster Hand der Unterhaltung sondern ist an ein Ereignis geknüpft (Ernte, Hochzeit, Begräbnis etc.). Die Stimme bedient sich dabei gern Verzierungen. Der Chorgesang ist dem Ursprung entlehnt. Er dient schon mehr der Unterhaltung und ist immer monophon. Auch die Variante des instrumental begleiteten Gesangs ist entlehnt und dient in erster Hand der Unterhaltung.
  • Der instrumentale Vortrag ist bzw. war immer weniger verbreitet als der Gesang. Zu den typischen selbstangefertigten Volksinstrumenten zählen die Maultrommel, das Stierhorn der Schweinehirten, die Grifflochpfeife, die Sackpfeife und die Zither. Zu den fabriksmäßig erzeugten Musikinstrumenten zählen in erster Hand die Geige und die Klarinette. Gespielt werden überwiegend sonst mit Text gesungene Lieder.

    Ein Pfeiler der instrumentalen ungarischen Volksmusik: die Zither Die ungarische Zither

    Die Situation heute
    Wie eingangs erwähnt, war das ungarische Volkslied einst auf natürliche Weise in das tägliche Leben der Menschen, vor allem der Menschen auf dem Lande, eingebunden. Gleich der Sprache, so begleiteten sie ihr Handeln und Denken mit dem gesungenen Volkslied. In dieser Funktion spielt das ungarische Volkslied im heutigen Alltag keine Rolle mehr. Man wird beispielsweise kaum einen Bauern finden, der seine Arbeit mit dem Gesang eines passenden Volksliedes begleitet. Der Grund ist einfach: die Alten, die die Lieder noch kannten, sind gestorben und die junge Generation kennt die Lieder nicht. Trotzdem ist das ungarische Volkslied nicht ausgestorben. Es liegt sogar nicht (mehr) im Sterben sondern befindet sich seit Jahren auf dem Weg der Genesung. Erstaunlich, aber erfreulich zugleich, ist es vor allem die ungarische Jugend, die dem ungarischen Volkslied zu dieser Rekonvaleszenz verholfen hat. Und dieses um sich greifende Interesse der Jugend steht wiederum maßgeblich mit den ungarischen Tanzhäusern - táncház (siehe nachfolgend unter Volkstanz) im Zusammenhang. Untrügerisches Zeugnis der Besserung des Patienten Ungarische Volksmusik sind auch die zahlreichen neuen Bands#, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und ungarische Volksmusik dem breiten Publikum in Form von Tonträgern oder Auftritten bei Festivals mit folkloristischen Programmeinlagen, wie dem Budapester Frühlingsfestival oder dem Donau Folklore-Festival in Kalocsa, schmackhaft machen. (Hinweis: Wenn Sie auf einen der drei obigen Links klicken, verlassen Sie diesen Internetauftritt !). Auffallend sind aber auch bei kleineren Veranstaltungen immer wieder die zahlreichen Autodidakten, die sich dort einfinden, um mit ihrer Kunst einige Forint zu ergattern.
    # Eine der bekanntesten Bands ist Muzsika mit der Volksliedsängerin Márta Sebestyén. Dem internationalem Publikum dürfte sie durch ihre Auftritte in der Carnegie Hall und als Sängerin des ungarischen Volkslieds Szerelem, szerelem (Liebe, Liebe) im Film Der englische Patient bekannt sein, der sich an der Biographie des ungarischen Grafen Ladislaus Almásy orientiert.

    1.2 Die ungarische Weise - das volkstümliche Lied

    Diese Kunstgattung entstand in Ungarn im wesentlichen um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es handelt sich hierbei um ein komponiertes Lied. Der Ungar nennt es nóta.
  • Die Melodie der nóta ist in der Tradition der diatonischen Tonleiter in Dur und Moll beheimatet. Die fünfstufige Tonleiter oder die Kirchentonleitern der ungarischen Volksmusik ist ihr fremd.
  • Vom Typ her gibt es neben den langsamen "Zum-Zuhören-Weisen" (ungarisch hallgató) das Tanzlied (ungarisch csárdás).
  • Was den Vortrag betrifft, so ist zu bedenken, dass zur Geburtsstunde der nóta das breite Publikum keine Noten lesen konnte. Die nóta konnte daher nur durch Vermittlung solcher Künstler unters Volk gebracht werden, die das Lied zum ertönen bringen konnten. Es waren zumeist die Zigeunerkapellen. So wurde die Kunstgattung der nóta bald zur Ungarischen Zigeunermusik stigmatisiert, ja mit der Verbreitung der Schallplatte Ende des 20. Jahrhunderts übereifrig sogar als "Original Ungarische Zigeunermusik" verramscht. Dabei handelt es sich nicht um Lieder ungarischer Zigeuner - Franz Liszt sah sie sogar als idiomatisch für das ungarische Volkslied an - sondern schlicht und ergreifend um von Ungarn komponierte und von Zigeunerkapellen vorgetragene volkstümliche Lieder.
    Natürlich werden nóta auch gesungen, in der Regel begleitet von einer Zigeunerkapelle.

    Verbunkos
    Unter der ungarischen Tanzmusik verdient der Verbunkos besondere Würdigung. Er trat um 1785 in Erscheinung und er wurde zur bevorzugten Gattung der Zigeunermusikanten. Dem Verbunkos ist vorrangig zu "verdanken", dass die von Zigeunermusikanten vorgetragene Musik fälschlicherweise Zigeunermusik genannt wurde.
    Zum Zeitpunkt seiner Entstehung wurde der Verbunkos Magyar genannt. Damit war ein Männertanz gemeint, der bei der Rekrutierung von ungarischen Soldaten für die deutschsprachige Habsburger Armee aufgeführt wurde. Die Soldatenwerber (=die Tänzer) waren Ungarn und sie wurden von einer Zigeunerkapelle begleitet. Der Vorgang wurde auch im Ungarischen Werbunk genannt; der dazugehörige Tanz, der Magyar später in Verbunkos verdeutscht.
    Zu den Merkmalen des Verbunkos zählen sein langsamer Beginn und sein geschwinder zweiter Teil. Viele hielten damals nur den würdevollen, langsamen Beginn, den lassú, für mit dem echten ungarischen Sinn vereinbar und sahen in dem schnellen Teil, dem friss, eine Entartung. Diese Einstellung entsprach dem damaligen Zeitgeist: nur was würdevoll, sprich adelig war, konnte auch wirklich ungarisch sein.
    Den langsamen Tanz des Adels nannte man seit dem Ende des 18. Jahrhunderts palotás (höfischer Tanz), von palóta=Palast. Die Bezeichnung csárdás für den schnellen Tanz ist als bewusste Reaktion gegen die Bezeichnung palotás entstanden (csárda=Schenke).
    Der Verbunkos begann sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts von seiner Funktion zu lösen und wurde zum Ziviltanz. Über die Feder von Komponisten wie Ferenc Erkel, Franz Liszt, Hector Berlioz, Béla Bartók und Zoltán Kodály eroberte er schließlich auch die Bühnen der Oper- und Konzerthäuser.

    Zigeunerkapellen
    Die klassische Besetzung einer Zigeunerkapelle aus zwei Geigen, Hackbrett (Zymbal) und Kontrabass etablierte sich Ende des 18. Jahrhunderts. Die beiden Geiger sind der Primas und der ihn begleitende Bratschist. Der Primas ist die zentrale Gestalt der Kapelle. Er ist nicht nur technisch ein Virtuose, sondern er ist vor allem Menschenkenner. Ein und dasselbe Lied spielt er völlig anders für einen reichen Ausländer, für frisch Verheiratete oder unglücklich Verliebte. Mit dem ersten Geigenstrich trifft er den Nerv seines Zuhörers, mit der weiteren Interpretation hält er ihn gefangen. Schier unerschöpflich ist sein Variationsreichtum; er kann die Melodie verzieren, das Tempo drosseln oder beschleunigen, allein spielen oder ein Teil der Kapelle mitgehen lassen. Er ist aber auch ein sensibler Zuhörer zumal wenn er den Vortrag einer Solostimme durch geeignetes musikalisches Kommentieren, eher als durch ich-bezogenes Begleiten, unterstreicht.
    Ein großer Primas genoss (genießt?) in Ungarn ein großes Ansehen. Starb er, eilten alle Primase des Landes an seine Bahre und hundert von ihnen - die besten - formierten sich zu einem Leichenzug. Sie marschieren in Zehnerreihen hinter dem von sechs schwarzen Pferden gezogenen Leichenwagen und ihre Geigen singen die Lieblingslieder des Toten.
    Der erste berühmte Primas Ungarns war Panna Csinká (1711?-1772). Sie war Zigeuner-Primgeigerin. Einer der bedeutendsten Zigeunerprimasse des vergangenen Jahrhunderts war zweifellos János Bihari (1764-1827). Zu seinen Bewunderern zählte auch Franz Liszt. Von den Zigeunerprimasen, die sich im 20. Jahrhundert einen Namen gemacht haben, zählen Imre Magyari (1894-1940), Sándor Lakatos (1924-1994) und Lajos Boross (1925-2014).

    Gesanginterpreten
    Das 20. Jahrhundert hat ein reiches Spektrum an idiomatischen Nótainterpreten hervorgebracht, die ihre Spuren in einer ebenso reichen, allerdings zum größten Teil auf Ungarn beschränkten, Diskografie hinterlassen haben. Besonders hervorzuheben sind Appolónia Kovács (1926-2012), Vera Jákó (1934-87), Sári Vörös (1910-?), István Mindszenthy (1908-1993), Károly Solti (1910-90), József Dóry (1911-2002), Pál Kalmár (1900-1988) und Ferenc Bessenyei (1919-2004).

    Die Situation heute
    Ähnlich der Situation beispielsweise in Deutschland und Österreich, ist das volkstümliche Lied in Ungarn überall gegenwärtig. Allerdings hat ein gewaltiger Umbruch was den Stil anbelangt stattgefunden: die ehemaligen nóta werden kaum noch gespielt oder gesungen. Während es noch Ende des 20. Jahrhunderts durchaus üblich war, dass in Restaurants sogenannte Zigeunermusik als musikalische Untermalung gespielt wurde, ist sie heute sogar in Budapest nur noch in wenigen Gaststätten - in der Provinz nur noch ausnahmsweise - zu hören. In Budapest und anderen Touristenzentren kommen Zigeunerkapellen zunehmend, ihrer ursprünglichen Funktion als Unterhalter in Gaststätten entfremdet, als einer der Programmpunkte bei folkloristischen Veranstaltungen zum Einsatz.
    Vom Volk gesungen werden die Lieder nur noch selten und zwar nur von den Älteren, wie beispielsweise beim Wein in geselliger Runde im Wirtshaus. Die jüngere Generation kennt diese Lieder nicht und singt sie deshalb auch nicht.
    Den Platz dieser alten Ungarischen Zigeunerlieder haben neue Varianten eingenommen; sie werden von ungarischen Musikern in der Besetzung Gesang, Ziehharmonika bzw. Saxophon oder Klarinette und Schlagzeug im Zigeunerrhythmus (ein synkopierter Rhythmus) vorgetragen. Diese neuen Lieder sind alle rhythmisch, die Mehrzahl sind Tanzlieder; die alte Gattung der "Zum-Zuhören-Weisen" (hallgató) ist praktisch aus dem Repertoire verschwunden.

    1.3 Die Volksmusik der ungarischen Zigeuner

    Die ungarischen Zigeuner besitzen einen gemischten Liedschatz: neben ungarischen Volksliedern und volkstümlichen Liedern (beide siehe oben) findet man auch slowakische, rumänische und südslawische Volkslieder. Und dann gibt es noch eine Gruppe von Liedern, die sich von all diesen Liedern abgrenzen und nur bei den ungarischen Zigeunern vorkommen. Diese Lieder sind die echten Volkslieder der ungarischen Zigeuner. Welches sind ihre Merkmale?
  • An erster Stelle zu nennen ist: die traditionelle Volksmusik der (ungarischen) Zigeuner kennt keine Instrumente! Selbst ihre Tänze sind a capella; bestenfalls imitieren sie ein Musikinstrument mit beispielsweise einem Kochlöffel und einem Topf oder dem Mund.
  • Auffallend ist ferner der frei rhythmisierte Vortrag bei den langsamen Liedern bzw. der Estam-Rhythmus (geradzahlige Achtel werden von einem Sänger durch scharfe, interjektionsartig artikulierte Silben betont und die ungeraden ausgelassen) bei den Tanzliedern. Bei den Tanzliedern wird der Text zudem oftmals durch Klangsilben ersetzt.
  • Die Melodie ist meist absteigend und basiert in der Regel auf die Dur-Tonleiter (bei den Tanzliedern) bzw. Dur- oder Moll-Tonleitern, manchmal vermischt mit den mixolydischen bzw. äolischen Kirchentonleitern (bei den langsamen Liedern).
  • Vom Grundtyp gibt es die langsamen Lieder und die Tanzlieder. Die Texte, vor allem die der Tanzlieder, sind oft sehr derb. Oft beziehen sie sich auf das moderne Leben in weit größerem Ausmaß, als dies bei den ungarischen Volksliedern der Fall ist. Oft wird der Text improvisiert.

    Die Situation heute
    Zweifelsohne ist die ungarische Zigeunervolksmusik heute zunehmend von ihrer Funktion entkoppelt und daher im Aussterben begriffen. Mehr als die nóta sucht sie ihr Zuhause in der modernen Version der volkstümlichen ungarischen Musik (siehe oben).

    1.4 Volkstanz

    Der Volkstanz war früher, wie die Volksmusik, fester Bestandteil des sozialen Lebens. Bedeutende persönliche Lebensereignisse wie Hochzeit und Geburt, aber auch festliche Anlässe wie Weinlese, Ostern, Karneval wurden von Tanz begleitet. Dazu mietete man eine Scheune oder ein geeignetes Haus, engagierte eine Musikkapelle aus der Gegend, legte Volkstracht an und - dann wurde getanzt. Oder man bediente sich des Tanzes einfach zum Vergnügen; dann ging man in die Dorfkneipe, die csárda, und tanzte dort einen csárdás.
    Auch heute lebt der Volkstanz, auch wenn er nicht mehr nur fester Bestandteil des sozialen Lebens ist. Die heutige Volkstanzbewegung ist zweigeteilt: die eine Hälfte ist ihrer ursprünglichen Funktion entartet und in die Folklore verbannt, die andere Hälfte erfüllt über die Tanzhausbewegung eine soziale Funktion.

    Táncház - das ungarische Tanzhaus
    Táncház ist die Bezeichnung für eine von einem Interesse an den Ursprüngen der ungarischen Kultur ins Leben gerufene Bewegung, die Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts als Gegenbewegung zur sozialistisch verordneten Einheitskultur in Budapest entstand. Heute ist diese Bewegung nicht nur in ganz Ungarn sondern beinahe in der ganzen Welt verbreitet. In Budapest finden allabendlich zahlreiche táncház-Veranstaltungen statt und auch in der Provinz erfreuen sich diese Veranstaltungen großer Beliebtheit (siehe hierzu die Rubrik Events unter den einzelnen Städten dieses Internetauftritts). Den ungarischen Tanzhäusern ist zu verdanken, dass der ungarische Volkstanz heute nicht nur als Folklore entfremdet sondern auch als sozialer Faktor weiterlebt. In Anerkennung seiner Verdienste wurde der ungarischen Tanzhausbewegung 2011 die UNESCO-Anerkennung als immaterielles Kulturerbe erteilt.
    Der typische Ablauf einer táncház-Veranstaltung ist wie folgt:

  • Am Anfang steht das Kindertanzhaus mit u.a. Kindertänzen, Reigen und Liedern unter Anleitung.
  • Dann wird unter Anleitung eines erfahrenen Tanzpaares getanzt. Zunächst wird der Tanzstil gelernt, dann erfolgt der freie Tanz unter Leitung und Aufsicht der Tanzleiter.
  • Ab Mitternacht, beginnt der Volkkneipe, Folkkocsma, genannte Teil. Es wird jetzt weniger getanzt und mehr musiziert, gesungen und getrunken.

    Anschriften (einiger) ungarischer Tanzhäuser in Deutschland
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  • JAMES, Lounge - Bar & Biergarten, Ludwig-Brück-Straße 3, München-Bogenhausen
  • Ungarisches Regös Tanzhaus, c/o Max-Emanuel-Brauerei "MaxE", Adalbertstraße 33, München-Schwabing
  • Tanzhaus Stuttgart, Hausmannstraße 22, Stuttgart
  • Ungarisches Tanzhaus Köln, Thieboldgasse 96, Köln
  • Ungarisches Tanzhaus in Nürnberg
  • Rezeda Tanzhaus, Haus Biegwald, Rebstocker Weg 19, Frankfurt
  • Ungarischer Folkkocsma Mainz, Bauerngasse 4, Mainz

    2. Kunsthandwerk bzw. Dekorative Kunst

    Kennzeichnend für die dekorative Kunst ist die - zumeist bunte - Ornamentik (Verzierung) auf einem weißen oder einfarbigem Untergrund. Die frühesten Muster sind geometrisch, die aber bald von den überwiegend vorherrschenden figurativen Mustern abgelöst wurden. Bevorzugt sind Pflanzenornamente, vorwiegend verschiedene Arten von Rosen, Tulpen, Nelken und Maiglöckchen umrankt von dichtem Blattwerk. Unter den Tiermotiven sind Vögel am populärsten. Bezeichnend für die ungarische dekorative Kunst ist die Vorliebe für gewisse Farben - und das Meiden anderer. Die älteste Farbe ist rot in allen ihren Abstufungen. Sie symbolisiert Freude, Leidenschaft und Übermut. In alten Zeiten wurde der roten Farbe eine schützende Kraft zugeschrieben: sie wurde mit Blut, Leben, Feuer und Licht verbunden. Die von der Braut oder jungen Frauen getragene rote Haube soll Gesundheit und Jugend zum Ausdruck bringen. Weiß war generell die Farbe der Klarheit und Unschuld, im südlichen Komitat von Somogy aber auch Ausdruck von Alter und Blässe, weshalb weiß auch die Farbe der Trauer war. Auch blau und grün galten oft als Farbe von Altern weshalb sie von jungen Frauen auch nicht getragen wurde. Schwarz war üblicherweise die Farbe der Trauer, aber die Palóczen in Hollókö benutzten schwarze Bettlaken für festliche Anlässe. Vor dem ersten Weltkrieg war das Hochzeitskleid schwarz in den meisten Regionen Ungarns.
    Die dekorative Volkskunst wurde erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts so richtig bunt in Ungarn. Zu den Farben, die dabei möglichst gemieden werden, zählen Gelb und Lila.

    2.1. Töpferei

    Die Töpferei zählt in Form, Farbe und Verzierung zu den vielseitigsten Zweigen der ungarischen Volkskunst und sie ist auch heute noch höchst lebendig, allerdings mit der Einschränkung, dass sie, im Unterschied zu ihrer einstigen Funktion in Form von Lieferant von Gebrauchsgegenständen, heute vornehmlich als Lieferant von Artefakten der Folklore in Gestalt von Sammlerobjekten und Dekorationsgegenständen dient.


    Tongefäße auf dem Festival des Kunstgewerbes zu Buda 2015
    Ungarische Tongefäße

    Zur Zeit der Landnahme (896) waren nur unverzierte Tongefäße bekannt. Mit der Erfindung der Bleiglasur im 15. Jahrhundert wurde die Voraussetzung für die Entfaltung der Ornamentik geschaffen. Im 16. Jahrhundert erhielt die ungarische Töpferei neue Impulse seitens der Habaner aus Südtirol und der Türken. Erstere bereicherten die ungarische Töpferei technisch wie dekorativ; letztere vor allem durch neue Farben und reiche Ornamentik.
    Unter den Töpfern kristallisierten sich verschiedene Berufsgruppen heraus: die einfacheren wurden fazekas (Töpfer) und gölöncsér (Hafner) genannt; sie fertigten einfachste Gebrauchsgegenstände an. Zu den vornehmeren Töpfern zählten der talás (Schüssler) und der korsós (Krügler), die beide, neben den einfachen Erzeugnissen, verzierte Gegenstände herstellten. Eine besondere Berufsgruppe der Töpfer widmete sich der Herstellung von Ofenkacheln, von denen hervorragende Kunstwerke seit dem Mittelalter erhalten geblieben sind.
    Infolge der Industrialisierung nahm die Anzahl der Töpfer ab der letzten Jahrhundertwende kontinuierlich ab. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wurden kaum noch verzierte Gefäße hergestellt. Heute nimmt die Töpferkunst wieder einen neuen Anlauf und erlebt vielerorts wieder ihre Wiedergeburt.
    Im Laufe der Zeit haben sich zahlreiche Töpferzentren in Ungarn herausgebildet, sie sich hinsichtlich Form, Technik und Stilistik voneinander unterscheiden. Die größten und künstlerisch bedeutendsten liegen in der Großen Tiefebene. Ihre Blütezeit erstreckte sich von Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Wende des 19. und 20. Jahrhunderts. Ihren hervorragenden Ruf verdanken die hier arbeitenden Zentren alle in erster Linie der Verzierung ihrer Töpferwaren. Die Anregungen hierzu lieferte die Renaissance und nicht zuletzt die Zeit der Besatzung durch die Türken (1521-1686) mit der in der osmanisch-türkischen Keramikkunst beliebten Scraffito- und Mahlhorn-Verzierung.
    Führend unter den Zentren der Großen Tiefebene war Hódmezövásárhely, das beinahe ganz Ungarn und auch viele Länder außerhalb seiner Landesgrenzen mit seinen charakteristischen Keramikwaren belieferte. Die bisweilen bis zu 400 Töpfer waren auf drei Stadtteile verteilt; die Töpferwaren jeder dieser Stadtteile waren wiederum durch ihr eigenes Muster und ihre eigene Form gekennzeichnet. So wurden in den verschiedenen Stadtteilen einerseits auf weißem Grund blau verzierte, dann auf gelbem Grund bunt verzierte und letztlich auf grünem Grund braun verzierte Töpferwaren erzeugt. Als Muster wurden von Linien- und Punktverzierungen begleitete Blumen- und Vogelmotive bevorzugt. Das bevorzugte Gut waren Teller und Krüge. Beliebt waren aber auch die schönen flachen Branntweinflaschen. Man trägt sie in der (Hosen)tasche; kennzeichnend sind ihre immer auf grünem Hintergrund eingeritzten Vogel- und Blumenornamente sowie, meistens, ein auf der einen Seite der Flasche eingeritztes Gedicht. Als Sondergut wurden Gefäße für festliche Anlässe angefertigt. Ihr Merkmal sind durchbrochene Verzierungen.
    Das zweite bedeutendste Töpfereizentrum der Großen Tiefebene war Mezötúr. Das wichtigste Erzeugnis sind die Töpfe und Krüge mit roten, grünen und weißen Mustern auf ockergelbem Grund. In Mezötúr wurden auch, allerdings in bescheidenem Umfang, (erstmals?) schwarze Tongefäße gefertigt.
    Ihren Aufschwung und ihre Vollendung erlebte die Herstellung schwarzer Keramiken in Szentes und Nádudvar. Bei der Herstellung dieser Keramiken wurden die zumeist unglasierten Gefäße mit Kieselsteinen glänzend poliert und anschließend im Ofen geschwärzt. Während man in Szentes die gesamte Oberfläche polierte, wurde das Gefäß in Nádudvar verziert.
    Das bedeutendste Zentrum für in Menschengestalt geformte Gefäße ist Mezöcsát. Hier wurden seit Beginn des 19. Jahrhunderts die sogenannten Mischka-Weinkrüge modelliert; in Mezöcsát hat dieser Krug mit dickem Bauch eine gelblich-weiße Grundfarbe und ist mit eigenartig anmutenden, schönen Verzierungen geschmückt. Mischka-Krüge sind auch aus Debrecen und Tiszafüred bekannt. Bekannt war Debrecen aber für seine mit grünen, braunen, roten und gelben Blütenranken und Vogelmotiven verzierten Teller und Krüge auf gelblich-weißem Grund sowie seine Tonpfeifen.
    Die Töpferei in Tiszafüred erlebte ihren Anfang gegen 1840 mit der Übersiedlung eines Töpfers aus Mezöcsát. So stand die Töpferei in Tiszafüred zunächst auch unter Einfluss der Töpferei in Mezöcsát. Bald entwickelten sie jedoch ihren eigenen Stil an Farbe, Form und Komposition. Die Tiszafüreder Töpfer stellten vornehmlich Schüsseln und Teller her, die sie, auf hellem Grund, mit den schönsten und vielfältigsten Blumenmustern in Rotbraun und lebhaftem Grün schmückten.
    Diese Töpfertraditionen aus der mittleren Theißgegend leben heute vor allem in den Werkstätten von Karcag als Kunstgewerbe weiter.

    Die beiden herausragenden Töpferzentren in Nordungarn waren Gyöngyös-Pásztó und Sárospatak. Hier wurden die Verzierungen - entgegen dem in den Zentren der Großen Tiefebene benutzten Malhorn - mit dem Pinsel ausgeführt. Die Waren der Palóczen-Töpfer aus Gyöngyös-Pásztó sind auf weißem Grund mit blauer, grüner, und bisweilen auch roter Farbe verziert. Die beiden häufigsten Motive sind Blumen und lustige Vögel. Das typischste Erzeugnis ist der sogenannte Vexierkrug mit durchbrochenem Hals und mehreren dünnen Röhren, über die - nur wer den Trick beherrscht - getrunken wird. In Sárospatak wurden Gefäße mit Verzierungen in heiterem Kolorit auf zunächst dunklem, später dann - unter Einfluss der Habaner (siehe oben) - hellem Grund angefertigt.

    Künstlerisch am bedeutsamsten unter den Töpferzentren Transdanubiens ist die Region Sárköz mit den wichtigsten Werkstätten in Szekszárd, Mórágy und Siklós. Kennzeichnend für die Geschirre sind verschiedene mit dem Mahlhorn gefertigte Blumen- (Tulpen, Rosen, Margeriten) und Vögelmuster in lebhaften Farben auf hellem, später dunklem Grund.
    In Szekszárd werden auch Erzeugnisse im Stil der Schwarzkeramik hergestellt.
    Adressen:

  • Csúcs Endre Keramiker-Volkskunstgewerbe, Szekszárd, Prantner u. 1
  • Rács Róbert népi iparmüvész fazekasmühelye, Várdomb, Kossuth u. 14
  • Sárközi Fazekas Hagyományok Ápolása és Meghonosítása, Galéria: Báta, Fõ út 58

    In letzter Zeit beginnt die Region Örség in Westtransdanubien, allen voran die Ortschaft Magyarszombatfa, dem Sárköz den Rang als Töpferzentrum Transdanubiens streitig zu machen.


    Töpferei in Magyarszombatfa
    Magyarszombatfa, Töpferei

    2.2 Schnitzerei

    Die Werke der Schnitzkunst sind in ganz Ungarn in einer beinahe unüberschaubaren Vielfalt vorhanden. Als Material dienen vor allem Holz und, vornehmlich bei den Hirten, auch Horn und Knochen. Die älteste Ornamentik ist geometrisch. Sie hielt sich am längsten im Gebiet zwischen Donau und Theiß. Figurative Muster überwiegen in West- und Oberungarn und sind jüngeren Datums.

    Zu den Holzarbeiten größeren Formats gehören neben den Széklertoren die Grabhölzer sowie einzelne Bestandteile des Wohnhauses, wie Hauptbalken und Giebel. Besondere Erwähnung verdienen die Windmüller im Donau-Theiß-Gebiet, die gern die innere Holzeinrichtung ihrer Mühle mit wertvollen Schnitzereien verzierten.
    Zu den aus Holz geschnitzten Gebrauchsgegenständen zählen u.a. Salzfäßchen, Kochlöffel, Trinkkellen und Lebkuchenformen, letztere mit religiösen oder weltlichen - Puppen, Husaren, Herzen - Motiven.

    Die ungarischen Hirten waren schon immer ausgezeichnete Schnitzer und sie pflegten ihre Kunst noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, als der Bauer seine Gegenstände schon lange nicht mehr verzierte. Aus Holz stellte der Hirt seine Gebrauchsgegenstände her, u.a. den Hirtenstab, Peitschengriff, Schafskrummstab, Rührlöffel, Pfeifenstiel, die Trinkkelle und Flöte. Aus Horn wurden u.a. Blashorn und Trinkhorn gemacht. Aus Schafs- und Hundeknochen erzeugten sie neben Zierkämmen Würfel- und Perlenschmuck, aus gegabelten Geweihstücken Pulverhörner. All diese Gegenstände wurden reich verziert, die ältesten mit geometrischen Mustern, die späteren mit figurativen Ornamenten, wobei man sich bis ins erste Viertel des 19. Jahrhunderts der Technik der Siegellackverzierung und später immer häufiger der Refielschnitzerei bediente. Auch der Kürbis wurde, vor allem in Westungarn, als Trinkgefäß genutzt und verziert.

    2.3 Tischlerei

    Obzwar bereits im Mittelalter Tischlerzünfte bekannt sind, fertigten die Bauern ihre Möbel bis Ende des 17. Jahrhunderts zumeist selbst. Eines der ältesten Möbelstücke ist die Truhe. Von ihr sind zwei Formen bekannt: bei der einen, aus dem südöstlich Teil Westungarns (dem heutigen Komitat Baranya), sind die vier Ecken des Deckels mit je einem Horn geschmückt, bei der anderen - sie ist vermutlich jüngeren Datums - aus dem Nordosten des Palóczenlandes (dem heutigen Komitat Nográd), fehlen diese Hörner. Diese Truhen aus dem Palóczenland wurden von fahrenden Händlern in der ganzen Tiefebene verbreitet.
    Die ältesten Möbel sind alle unbemalt. Bemalte Möbel sind erst seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Als Muster dienten oft die Chor-, Kanzel- und Deckenbemalungen der reformierten Kirchen. Zu den bekanntesten Zentren für bemalte Möbel zählen Komárom, Hódmezövásarhely, Miskolc, Eger und Sátoraljaújhely.
    Die schönen Truhen aus Komárom im Norden Westungarns haben eine in blassen Farben bemalte, geschnitzte Vorderseite. Die Truhen wurden von Donauschiffern weit in den Süden gebracht. Einige Komáromer Maler reisten in die Tiefebene und verzierten dort Decken und Bänke in Kirchen der Reformierten.
    Bedeutendstes Zentrum der Möbelmalerei in der Tiefebene war Hódmezövásárhely. Der überwiegend dunkelblau gehaltene Untergrund ist mit roten Blumenmustern verziert; Die Möbel im benachbarten Békés sind lebhafter bemalt und ihre Bänke und Stühle sind alle reich durchbrochen geschnitzt.
    Die Möbel aus den beiden Zentren Eger und Miskolc im nördlichen ungarischen Mittelgebirge sind mit bunten, in den Farben Rot, Grün, Weiß und Blau gemalten Blumensträußen auf braunem oder rotem Untergrund verziert. Zwischen den Blumensträußen - eine Besonderheit dieses Malstils - gedeihen gelbe Weizenären.
    Die eindrucksvollen Bauernmöbel aus Sátoraljaújhely an der Grenze zur Slowakei im nordöstlichen Zipfel der Region Nordungarn sind schwarz und mit einem bunten Topfblumenstrauß in den Farben Grün, Gelb, Rot und Blau bemalt. Sie wurden noch zur Zeit zwischen den beiden Weltkriegen angefertigt.
    Schöne Möbel wurden auch im südlichen Transdanubien hergestellt. Die Möbel der Region Sárköz tragen auf dunklem (oft blauem) Untergrund vor allem in roter, weißer und grüner Farbe gemalte Blumenmuster. Berühmt sind auch die mit Tulpenornamenten bemalten Tulpentruhen (tulipán ládok) aus Kiskomárom (bei Nagykanizsa) und dem Landstrich Ormánság in Südtransdanubien an der Grenze zu Kroatien. Dieser Landstrich ist besonders reich an reformierten Kirchen mit prächtigen Kassettendecken und Kanzeln im Stil des bäuerlichen Barocks und man kann vermuten, dass in manchen Fällen die gleichen Künstler auch bei der Ausschmückung der Möbeln dieser Gegend am Werke waren zumindest aber ihre Inspiration aus den Kirchen holten.

    2.4 Weberei

    Das glatte Leinen wurde bis zum Ende des 19. Jahrhunderts von den ungarischen Bauern eigenhändig angefertigt. Erst im 20. Jahrhundert fanden Fabrikstextilien in den Dörfern schnelle Verbreitung.
    Die Verzierungen bedienen sich meist geometrischer, in schmäleren oder breiteren Streifen angeordneter Muster. Vielfach werden aber auch figurative Muster gearbeitet. Für die Muster nimmt man Hanf, Flachs oder Baumwolle. Die Grundfarbe ist rot und blau.
    Die schönsten ungarischen Handwebereien stammen aus der Region Sárköz. Besonders bekannt ist sie für ihre schwarz-rot gestreiften Kissenbezüge und Tischtücher sowie ihrem Muster aus einem von Sternen und Herzen umgebenen Vogelpaar.
    Die Webereien der Volksgruppe der Palóczen sind besonders bunt und die Streifen in besonders großen Abständen angeordnet. Neben Kissen und verschiedenen Tüchern zierten die Weber der Palóczen auch vor allem Schürzen mit schönen geometrischen Mustern.
    Schöne buntgewebte Leinen wurden auch in den Komitaten Somogy und Baranya südlich des Plattensees gefertigt.

    2.5 Stickerei

    Die Stickerei ist eine verhältnismäßige junge Erscheinung in der dekorativen Volkskunst Ungarns, zählt aber gleichzeitig, was Form und Ornamentik betrifft, zu ihren reichsten und vielfältigsten Zweigen. Sie läßt sich in zwei große Gruppen einteilen. Die erste Gruppe bedient sich der Kreuzstich- und Fadenzähltechnik bei der Erzeugung geometrischer Muster; sie steht der Weberei sehr nahe. Bei der zweiten Gruppe, steht die schöpferische Phantasie im Vordergrund, erzeugt werden - oft von Vorzeichnerinnen auf das zu bestickende Gut gezeichnete - Muster mit Vorbild in der Natur, vornehmlich Blumen und Vögel.
    Bestickt werden heutzutage vornehmlich Textilien für Abnehmer im Bereich der Folklore, wie Trachten, Tischtücher, Kopfkissen, Handtücher aber auch besondere, ehemals von Männern getragene Kleidungsstücke wie szür, ködmön und suba (siehe nachfolgend: Volkstracht). Früher - vornehmlich auf dem Lande - war die Stickerei eine unentgeltlich von (Haus)frauen geleistete Arbeit; was dabei herauskam kam dem Haushalt in Form von Kleidungsstücken, Aussteuer, Bettzeug, Tüchern etc. zugute. Üblicherweise lernten bereits kleine Mädchen das Sticken. Die Ausnahme von dieser Regel bildeten die oben erwähnten, reich verzierten Kleidungsstücke der Männer; sie wurden oftmals berufsmäßig, d.h. gegen Entgelt, von dafür ausgebildeten männlichen Spezialisten ausgeführt. Heute, da alle Stickereien, ihrem ursprünglichen alltäglichen Bedarf entfremdet, als Folklore verramscht werden, sind praktisch nur noch berufsmäßig tätige Stickerinnen tätig, wobei "nur" nicht als abwertend verstanden werden darf.

    Die Frauenstickerei in Ungarn ist von großer Variantenvielfalt gekennzeichnet. Der Übersicht halber sollen seine typischten Vertreter nachfolgend beschrieben werden.
    Eine der ältesten Stickereien ist die Wollhaarstickerei aus der südlichen Großen Tiefebene, vor allem jene aus Hódmezövásárhely und Orosháza. Bestickt wurden bevorzugt Kissenränder mit blauem, grünem, rotem bisweilen auch schwarzem Wollfaden. Am häufigsten dienten von Blättern umrahmte Rosenblüten als Motiv.
    Einen eigenen Stil einwickelten auch die Stickerinnen der Region Sárköz. Am bekanntesten sind die auf schwarzem Grund mit weißem Garn reich bestickten Hauben. Als Motive dienen Blumen, Blätter und Zweige, seltener Vögel. Besonders alt und selten sind auch die rot oder schwarz bestickten Totenkissen.
    Zu den im Ausland am besten bekannten Stickereien zählen jene aus Kalocsa und der Volksgruppe der Matyó in Mezökövesd. Beide sind jüngeren Datums. Die Stickerei in Kalocsa ist durch ihren außergewöhnlichen Farbenreichtum gekennzeichnet. Dabei war die Kalocsaer Stickerei ursprünglich ausschließlich weiß; es war eine mit weißem Garn auf weißem Grund gearbeitete Lochstickerei. Die Farbstickerei begann um die Jahrhundertwende zunächst mit Rot, Blau und Schwarz. Heute sind bis zu 22 Farbkombinationen vertreten. Zunächst wurden einfache Blumenmotive für die Muster genutzt: Maiglöckchen, Vergissmeinnicht, Veilchen etc. Mit der Zeit wurden die Vorzeichnerinnen immer kreativer; sie erneuerten die alten Muster und entwarfen neue wie Tulpen, Paprikaschoten und Kornblumen. Diese Freude am Ausschmücken erfasste bald auch die Maler und Töpfer; Möbel, Häuserwände, Geschirr, ja sogar Ostereier wurden bunt bemalt.


    Stickerei aus Kalocsa
    Stickerei aus Kalocsa (1975)  Stickerei aus Kalocsa


    Die frühesten Stickereien der Matyó waren geometrische, rote und blaue Kreuzsticharbeiten. Bald wurde aber die Freihandstickerei mit ihrem Hauptmotiv aus einer von Blättern umrankten Rose vorherrschend; sie wurde in roter und blauer Farbe gestickt und diente der Ausschmückung von Bettlakenrändern. Um die Jahrhundertwende wurden die Muster in ihrer Farbe und Ornamentik so stark bereichert, dass der Untergrund beinahe vollständig damit bedeckt war und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren es die Kürschner, die vor allem die Männerhemden mit ihren unten weit auslaufenden Ärmeln und die schwarzen Schürzen mit den farbenprächtigen Blumenmustern bereicherten.
    Charakteristisch für die Stickereien der Palóczen ist ihre Schlichtheit; die frühesten sind mit Kreuzstich angefertigte geometrische Muster; später fand auch hier, wie bei den Matyós, vorgezeichnete und mit Flachstich ausgeführte Arbeiten Verbreitung. Bestickt wurden vorwiegend Schürzen, die Weißen mit roten und blauen Mustern, die Dunklen mit vielfarbigen Mustern aus Wolle und Seide.
    Eine Sonderstellung unter den Stickereien Ungarns nimmt die Halaser Spitze - Halasi csipke aus Kiskunhalas im Westen der südlichen Großen Tiefebene ein. Diese Spitze wurde 1886 vom Zeichenlehrer Árpád Dékani entworfen, wobei er sich Motive ungarischer Formen bediente, und später von der Handarbeitslehrerin Mária Markovits genäht. Dékanis Muster waren vollständig neu und die ersten Versuche von Mária Markovits, sie zu nähen waren ohne Erfolg. Sie erkannte, dass das neue Muster eine neue Technik erforderte. So ersann sie, auf der Grundlage der Point de Venise-Stiche, die Spitze von Halas. Zu ihren Lebzeiten vergrößerte sie die Anzahl der Stiche auf über 50, die sie alle zu Mustern im ungarischen Stil verarbeitete.
    Die ersten Halaser Spitzen wurden 1902 vorgestellt. Seit 1934 ist die Halaser Spitze ein eingetragenes Warenzeichen. 1935 wurde das Csipke ház in Kiskunhalas als Werkstatt der Spitzennäherinnen in den Betrieb genommen. Heute dient es außerdem als Museum.
    Die Halaser Spitze wird auch heute noch anhand der jahrhunderte alten Muster unter Verwendung einer der 60 verschiedenen Varianten des Stichs mit Nadel und Faden ausschließlich in Handarbeit gefertigt.

    3. Trachten

    Die Blütezeit der ungarischen Volkstrachten fällt zeitgleich mit dem Beginn eines bescheidenen Wohlstands in der ungarischen Bauernschaft Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Entwicklung verlief jedoch sehr unterschiedlich und es ist auch schwierig, eine allgemeingültige Beschreibung der ungarischen Volkstrachten zu geben. Folgende Umrisse können jedoch festgehalten werden.


    Ungarische Volkstrachten
    Ungarische Volkstrachten

    Die unverheirateten Mädchen trugen seit dem Mittelalter den Jungfernkranz, einen perlenbesetzten, goldbestickten Kopfschmuck in Reifenform. Mit dem Jungfernkranz gingen sie zur Trauung. Ansonsten gingen die unverheirateten Mädchen barhäuptig, während die verheirateten Frauen ihre Köpfe mit Hauben bedeckten oder in Tücher kleideten. Beide, Mädchen und Frauen, trugen Hemden aus Leinen oder Baumwolle, darüber Leibchen, einen Ködmön oder kurzen Suba (siehe nachfolgend). Die Röcke wurden aus Seiden- oder Tuchstoff genäht. Den Rock zierte eine Schürze aus Spitzen, Schleierstoff, Seide, Tuch oder Baumwolle. In Buják tragen die Frauen mehrere Röcke gleichzeitig, um beleibt zu wirken. Je nach Jahreszeit gingen Mädchen und Frauen barfuß oder trugen Pantoffeln bzw. Stiefel. Schuhe werden erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts getragen.
    Für die Leibchen und Hauben aus Kalocsa sind bunte pastellfarbene Blumenmuster auf weißem Grund charakteristisch. Über die (drei) Unterröcke wird der bunte, in schmalen Falten geraffte Oberrock getragen.

    Die farbenreiche Volkstracht der Matyó-Frauen in Mezökövesd gehört zu den prächtigsten Ungarns. Auffallend neben der Farben ist die gotisch anmutende Linienführung der Kleidung mit der spitz zulaufenden Haube und der schmalen, geraden Schürze. Die Matyó-Stickerei, wiederum, dient der Ausschmückung der Männerkleidung, zumal den weit auslaufenden Ärmeln, dem Kragen, den Schultern und den Vorderteil des Hemds sowie den Schürzen.


    Matyó-Mann
    Mann in Matyó-Tracht

    Zu den reichsten und prächtigsten ungarischen Volkstrachten zählen auch jene der Mädchen und Frauen aus der Region Sárköz. Die hier zumeist aus schwerem Brokat oder feinen, schleierartigen Geweben gefertigten Kleider wurden mit Tüll, Spitzen und Schmuck in reicher Pracht verziert. Die Unterröcke sind stark gerafft; der Oberrock ist in einer kräftigen bunten Farbe gehalten.

    Die ungarischen Männer trugen aus Leinen gefertigte Hemden mit kurzer Taille und weiten Ärmeln und gatya genannte, weite Beinkleider. Die Hemden, vor allem das "Bräutigamshemd", waren vielerorts prächtig bestickt. Die gatya, besonders wenn sie zu festlichen Anlässen benutzt wurde, war in 8-10facher Breite zugeschnitten und in dichte Falten gerafft. Diese Tracht wurde nur allmählich durch die engere Tuchhose verdrängt.
    Als Kopfbedeckung trugen die Männer im Sommer eine zylindrische Mütze aus Filz; sie wurde von den Bauern, Hirten, städtischen Bürgern und den Studenten gleicherweise getragen. In Bugac und in Kiskunság (Kleinkumanien) tragen die Hirten noch eine eigentümlich hohe Hutform (süveg), die an die Kopfbedeckung der Kumanen erinnert. Im Winter war eine hohe, spitz zulaufende Lammfellmütze üblich. An den Füßen trugen die Männer Schaftstiefel und im Sommer Bundschuhe.

    Die markantesten Bekleidungsstücke der Männer in der Ungarischen Tiefebene waren der Suba, der Ködmön und der Szür. Der Szür (eine Art Lodenmantel) war der Mantel der Hirten und Bauern. Noch im 19. Jahrhundert war er überall in Ungarn weit gebräuchlich; heute wird er nur noch zu folkloristischen Anlässen getragen. Den Szür gab es in vielen Varianten. Ihnen gemeinsam ist sein Stoff aus rauher Schafwolle gewebtem sogenanntem Szür-Tuch. Seine wichtigsten Abarten sind der bis zur Leibesmitte reichende Szür ohne jeglichen Schmuck (für Kinder und Frauen bei Regenwetter), der ebenfalls schmucklose Szür, der sackförmig geschnitten bis unters Knie reicht (für ältere Männer) und der kunstvoll bestickte Szür-Mantel, der in der Tiefebene bis unters Knie in anderen Teilen Ungarns mitunter kaum bis zum Knie reichte und von Männern in den besten Jahren, galant umgeworfen auch als Galarock getragen wurde.


    Kunstvoll bestickter Szür (li) und aus Schafsfellen genähter Suba (re)
    Kunstvoll bestickter Szür   Aus Schafsfellen genähter Suba

    Der Suba war der charakteristische Ledermantel der Tiefebene. Er wurde aus mehreren - je nach der finanziellen Lage seines Besitzers - gegerbten Schafsfellen genäht und hatte die Form eines weiten ärmellosen Umhangs, den am Hals vorn eine Schnur, Kette oder ein Knopf zusammenhielt. Er reichte bis an die Schenkel oder Knöchel und war - wieder je nach finanzieller Lage seines Besitzers - reich verziert. Die Verzierungen waren zunächst aus Seide, später verwendete man Schafwolle. Die ältesten Suba trugen naturgetreue Farben; die späteren zierte man nur noch schwarz. Die Suba der Armen waren nicht gegerbt, bestanden nur aus wenig Fellen und trugen keine Verzierungen.
    Der Ködmön, eine Pelzjacke mit Ärmeln, wurde von den Kürschnern sowohl für Männer als auch Frauen aus Schaffellen genäht. Östlich der Theiß reichte er bis an die Knie, im Hajduság (dem Gebiet um Debrecen mit den sechs Haiduckenstädten Hajdúböszörmény, Hajdúdorog, Hajdúnánás, Hajdúhadház, Hajdúszoboszló und Vámospércs) oft bis an die Knöchel. Er war reich mit Seidenfäden verziert. Als Muster diente ein aus einem Topf sich entfaltender Blumenstrauß, der oft den gesamten Rückenteil ausfüllte.

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    Aktualisiert am 30.12.2016