Zauberhaftes Ungarn - Reise durch das Land, seine Kultur und Geschichte  
 
 

Sie sind hier: Startseite > Über Ungarn > Ungarn 1956

Ungarn 1956
Der ungarische Volksaufstand

Hinweis: Dieser Artikel basiert auf einen Entwurf von Mitte der 80er Jahre.

Ungarn 1956

Es ist eine auszeichnende Eigenschaft von uns Menschen, dass wir ständig auf der Suche nach der Besten aller Welten und der Besten aller Staatsformen sind, und dass wir als Ergebnis unseres Umherirrens ein Schlachtfeld hinter uns lassen, vor dem selbst das Tränental der Seuchen verblassen muss. Diesem Drang nach dem Besten verdanken wir Kriegen, Völkermorden, ethnischen Säuberungen, Hinrichtungen und nicht zuletzt Revolutionen.

Eine Revolution resultiert aus einer Unterdrückung. Sie ist der Aufschrei des Unterdrückten gegen den Unterdrücker. Ihr Ziel ist die vollständige Beseitigung des bestehenden Übels. Dieses Ziel kann nur durch radikalen Bruch mit dem Bisherigen und Neubeginn erreicht werden und nicht durch pure Kosmetik im Sinne einer bloßen Veränderung. Idealerweise hat eine Revolution zwei Hauptdarsteller: den Revolutionär und den Despot. Je mehr Nebenrollen oder wenn gar weitere Hauptrollen vergeben werden, desto undurchschaubarer wird die Revolution, ist sie zum Scheitern verurteilt, verkommt sie zur Reform.

Die französische Revolution sah den Aufstand des Pöbels gegen die Bourgeoisie. Ihr Ziel war ein wahrlich revolutionäres: der Wechsel der Staatsform durch die Abschaffung der Monarchie und die Einführung der Republik. Sie berührte französische Belange und war und blieb eine rein französische Angelegenheit. Die ungarische Revolution, dagegen, war zunächst als solche nicht gewollt. Sie entwickelte sich aus dem Ruf nach Reformen, weil die Rufer - man könnte es undiszipliniert nennen - durch ihre Forderungen, die gleich einer nach oben sich windenden Spirale ständig gesteigert wurden, sich gegenseitig hochschaukelten bis das Ganze eine Art Eigendynamik entwickelte. Es ist bezeichnend, dass die Hitzköpfe, als die kritische Grenze überschritten war, hinter der von einer Reformbewegung nicht mehr die Rede sein konnte, vielfach der Entwicklung wegen erschraken und in Ratlosigkeit darüber fielen, wie es denn weitergehen solle. Es war ein Kampf David gegen Goliath, jedoch saß, im Unterschied zum biblischen Zweikampf, Goliath diesmal in einem Panzer. Nicht nur aus diesem Grund musste das Aufbegehren scheitern, sondern auch weil, im Unterschied zu den Ereignissen in Frankreich, die ungarische Revolution keine interne ungarische Angelegenheit blieb, sondern dank der Naivität seiner Anführer, sich zu einem Aufstand gegen die Militärmacht Sowjetunion und somit zu einem internationalen Konflikt entwickelte, bei dem neben politischen Zielen das Bestreben nach Freiheit von der Unterdrückerherrschaft immer stärker in den Vordergrund rückte. In diesem Duell zu unterliegen, das, aber, konnte sich die Diktatur Sowjetunion nicht erlauben. Sie war gezwungen, die Herausforderung anzunehmen und es war ihrer militärischen Übermacht ein leichtes Spiel, ihre Interessen zu wahren. Die Westmächte, die den ungarischen Aufstand vielleicht zu Erfolg hätten verhelfen können, gaben sich zwar entrüstet, letztlich, aber, rührte sie das ungarische Schicksal nicht so sehr, als das sie deswegen das Risiko eines Weltbrandes eingehen wollten.

Die Rolle des Bösewichts in der ungarischen Revolution spielte ein Gespenst und zwar jenes des im Frühling des Jahres 1953 verstorbenen sowjetischen Diktators Joseph Stalin. Hätte Stalin noch gelebt, wäre sicher niemand auf die Idee gekommen, eine Revolution vom Zaun zu brechen. Denn, obwohl der große Lauschangriff damals noch nicht erfunden war, zu mächtig war sein auf Spitzelei, Angebertum und Verleumdung aufgebauter Terrorapparat, zu rücksichtslos die Verfolgung Andersgesinnter, zu erbarmungslos die Strafe für oppositionelles Reden oder Tun. Jetzt, im Spätsommer des Jahres 1956, ging sein Gespenst zwar noch immer in Ungarn um in Gestalt der von den Sowjets eingerichteten und beschützten Marionettenregierung um den alten Stalinisten Rákosi. Dieses Gebilde, aber, war im Wanken begriffen, war dabei seinen Schrecken auf die Menschen zu verlieren. Ausschlaggebend für diesen Schwächeanfall war der 20. Parteikongress der KPdSU im Frühjahr desselben Jahres in Moskau gewesen, bei dem der allmächtige Nikita Chruschtschow mit der Vergangenheit des Genossen Stalin aufs Schärfste abgerechnet hatte. Diese Rede hatte Signalwirkung in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang, nicht zuletzt in Ungarn. Der Mann im Kreml hatte von Reformen gesprochen. So wurde das Signal zunächst auch in Ungarn aufgenommen und verstanden. Bald aber mischten sich neue Gedanken in die Forderungen nach Reformen, die dem Mann im Kreml ketscherisch anmaßen mussten. Und bald wurde aus diesen Gedanken eine Revolution. Das musste schief gehen.

Aus den bereits kurz nach Stalins Tod zaghaft vorgetragenen kritischen Meinungsäußerungen wurden jetzt auf dem fruchtbaren Boden allgemeiner Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen und politischen Lage erste Anzeichen einer organisierten Opposition erkennbar, zunächst vorrangig aus den Reihen der Journalisten, Schriftsteller und der Gruppe um den ehemaligen Premierminister Imre Nagy. Ziel dieser Bewegung war die Umsetzung der Beschlüsse des oben erwähnten sowjetischen Parteitages auf ungarische Verhältnisse. Folglich standen zunächst Forderungen nach der Absetzung von Rákosi und Entstaliniserung der Ungarischen Kommunistischen Partei im Vordergrund. Bald, aber, wurden auch weitergehende Forderungen nach nicht nur personellen sondern strukturellen Veränderungen des Systems verbunden mit dem Aufruf an die Oppositionskräfte, sich an die Parteispitze zu setzen und den ehemaligen Premierminister Nagy wieder ins Amt zu heben. Rakosi antwortete mit Verboten und stand eben im Begriff, die Massenarrestierung der Oppositionellen in Angriff zu nehmen, als der sowjetische Minister Mikojan unerwartet in Budapest eintraf und Rákosis Rücktritt forderte. Eine Diskussion unter den Genossen damals erübrigte sich und nur wenige Stunden später stand Rákosi tatsächlich auf der Straße; zu seinem Nachfolger wurde Ernö Gerö ernannt, ebenfalls ein alter Stalinist.

Was bezweckten die Sowjets mit dieser Veränderung, die keine war? Spielten sie bewusst auf Zeit oder hofften sie gar, die ungarischen Oppositionellen besänftigen zu können? Jedenfalls illustriert dieses Beispiel eindrucksvoll, wie Scheinlösungen dazu dienen können, die Spreu vom Weizen zu trennen: sie können zwar jene Rufer verstummen lassen, die nur halbherzig für die Sache eingetreten sind; jene, aber, die aus einer inneren Überzeugung heraus riefen, können sie nicht täuschen. Im aktuellen Fall waren es die bis dahin Tonangebenden, die Journalisten, Schriftsteller und der Kreis um Imre Nagy, die nach dem von den Sowjets erzwungenen Machtwechsel an der Parteispitze für eine Waffenruhe stimmten und meinten, man müsse Herrn Gerö eine Chance geben. Es war ein Stalinist, zwar, der die Geschäfte Ungarns auch weiter führen sollte, aber in die diktatorische Rolle eines Rákosi würde Gerö nicht mehr schlüpfen können. Die sich nicht überzeugen ließen, ja, bei denen die Scheinlösung geradezu das Gegenteil eines Beruhigungsmittels, nämlich Wachrütteln, bewirkte, waren - wen verwundert es - jene, die das Kapital aller Völker sind, natürlich auch der ungarischen Nation, nämlich die Jugendlichen, und unter ihnen wiederum besonders die Studenten.

Sie betraten jetzt die Szene in diesem Schauspiel und übernahmen entschieden die Hauptrolle. Was ist Jugend wenn nicht jener Lebensabschnitt, der der Gegenwart kritisch, wenn nicht gar feindlich, gegenübersteht und aus dieser Einstellung heraus danach trachtet, diese Gegenwart zu verändern und die Welt besser zu machen? Die Wissenschaftler führen diese Haltung auf die Hormone zurück. Aber diese Erklärung scheint mir nur die halbe Wahrheit zu sein. Ohne Hormone mag es zwar keinen Sturm und Drang geben, keine Ideale wie jene der französischen Revolution - Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit - aber ohne den entsprechenden Auslöser gibt es auch nicht die hormonell gesteuerten Gefühle. Dieser Auslöser, aber, ist die Generation, die die Jugendzeit hinter sich gelassen und in deren Körper die Hormone versiegt sind - die Generation, die aber in unserer Gesellschaft politisch das Sagen hat. Gewiss, auch wir waren einst jung, auch unsere Körper wurden von den Hormonen gebeutelt, und wir wollten alles besser machen. Und doch haben wir in den Augen unserer Nachkommen versagt. Es gleicht einem Paradox, dass wir Menschen versagen müssen, um ein Fortschreiten in eine bessere Zukunft zu sichern.

Die ungarische Studentenbewegung war bis zu jenem Zeitpunkt fest in den Händen der regiemtreuen Kommunistischen Jugendorganisation DISZ gewesen. Was aber nicht heißen soll, dass die ungarischen Studenten politische Nullen waren. Bereits Anfang der fünfziger Jahre begann sich unter ihnen eine anti-komunistische Stimmung und ein tiefe Abneigung gegen das Regim breit zu machen. Mitte der fünfziger Jahre wurde in den freien Stunden fast nur noch über Politik gesprochen und entwickelten sich Wertvorstellungen, die jenen der vom Regim vertretenen gegenüberstanden.

Und wieder gab es einen Wechsel in der Hauptrolle des Revolutionärs. Sie wurde jetzt endgültig vom ungarischen Arbeiter übernommen. Endgültig insofern, als er bis dahin zwar im Hintergrund agiert, aber doch von Anfang an dabei gewesen war und so allein durch seine ständige Präsenz quasi zu den Hauptaktören gezählt hatte.

In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg hatte der Kommunismus den Ungarn im Vergleich zum Horthy-Regim kurzfristig besssere Lebensbedingungen geschaffen. Doch bedingt durch die törichte Wirtschaftspolitik der kommunistischen Machthaber, die nahezu ausschließlich auf den hemmungslosen Ausbau der Schwerindustrie setzten, die Landwirtschaft und die Produktion von Verbrauchsgütern, aber, vernachlässigten, war es Anfang der fünfziger Jahre zu schweren Engpässen bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Gütern für den Alltag gekommen.

Die ungarische Revolution war zunächst nicht als solche geplant. Das Wachstumsmedium war die oben erwähnte soziale, politische und wirtschaftliche Misere der Stalinärea, der auslösende Faktor die geheime Rede Chruschtschows, die Reformen in in Aussicht stellte. Der Gegenspieler war die von stalinistischen Hardlinern beherrschte, von Moskau eingesetzte ungarische Marionettenregierung. Reformen wollten auch die Ungarn zunächst. Doch bald wurden die Forderungen radikaler, der Prozess gewann an Eigendynamik, überschritt die Grenzen, wo die Reform endet und die Revolution beginnt. Das Geschehen glich einem Staffellauf, bei dem die Reformer den Stab an die Revolutionäre weitergaben. Die Sowjetunion stand der ungarischen Erhebung zunächst erstaunlich aufgeschlossen, fast könnte man behaupten mit Sympathie gegenüber und vielleicht wäre der Aufstand erfolgreich verlaufen, hätte sich das Feuer auf die ungarischen Lande beschränkt, hätte es das zwar von der Sowjetunion gesähte, aber in Ungarn gewachsene Übel allein verzehrt, wäre es bei der Forderung nach Reformen geblieben. Doch als zu den nationalen Forderungen die Forderungen nach einem Austritt Ungarns aus dem sowjetischen Machtblock traten, war dies aus sowjetischer Sicht ein feindlicher Akt, mußte die Sowjetmacht ihre Interessen wahrnehmen und intervenieren. Waren dann die Opfer der Revolution sinnlos?

Gewiss, die Drahtzieher mussten sterben, aber es waren eher symbolische Opfer auf dem Schachbrett der Geschichte. Von groß angelegten Rachefeldzügen wurde angesehen und schon frühzeitig die Fahne der Versöhnung ausgehängt. Eine generelle Amnestie wurde bald erlassen und die Losung ausgegeben: "Wer nicht gegen uns ist, ist mit uns". Eine vorsichtige Aufweichung des staatlichen Monopols der Kontrolle über die Produktionsmittel brachte in den sechziger und siebziger Jahren Ungarn einen ökonomischen Aufschwung, an dem auch das Volk Teil hatte und der, gepaart mit einer relativen Presse- und Reisefreiheit einmalig war für ein Land hinter dem eisernen Vorhang.

Wie ist dieser Unterschied zu den anderen sozialistischen Bruderländern, allen voran dem ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat der DDR, zu erklären? Hatten die ungarischen Führer aus der Revolution von 1956 gelernt und wollten sie mit aller Macht einen zweiten Aufstand vermeiden, indem sie das Volk mit relativem Wohlstand bestachen? Oder war Kádár, der zunächst als Verräter gescholtene, ein Märtyrer? Jedenfalls drängt sich heute der Verdacht auf, dass die ungarischen politischen Führer eine andere moralische Größe besaßen, als ihre Genossen in den anderen kommunistischen Staaten des Ostblocks, insofern als sie offenbar das Wohl des Volkes über das Wohl der Partei stellten, während die Bruderstaaten dem umgekehrten Verhältnis den Vorrang gaben.

Es scheint, als ob die Führer der DDR ihn ihrem aussichtslosen wirtschaftlichen Wettkampf mit dem verhassten Bruderland im Westen letztlich resignierten und in ihrer Agonie einen virtuellen Wohlfahrtsstaat schufen, der nur auf dem Papier der Propaganda eine Existenz hatte, in der Realität aber immer mehr in seiner baulichen und geistigen Substanz verfiel. Wären die Ungarn, hätten auch sie einen vermögenen Bruder gehabt, dieser Lethargie ebenfalls zum Opfer gefallen? Ich denke nicht, denn auch sie wussten um ihre wirtschaftliche Unterlegenheit gegenüber dem westlichen Ausland. Aber sie waren klug genug, diese Tatsache als notwendiges Übel zu akzeptieren und haben sich, im Gegensatz zu der DDR, nie dem Wettkampfgedanken hingegeben, sondern immer versucht, aus der Situation das beste zu machen. Die ungarischen Führer ließen nicht zu, daß ihre Städte verfielen und ihre Straßen in bedenklicher Weise den Zustand eines Schweizerkäses annahmen. Während Ungarn in den siebziger und achtziger Jahren immer bunter wurde, ergraute die DDR. Vor allem die Touristen aus dem Westen wusste diesen Unterschied zu würdigen. Sie pilgerten in Scharen von Millionen jährlich in die ungarische Volksrepublik und schleppten dabei die begehrten Devisen ins Land. Die DDR, derweil, blieb leer. Wollten ihre Bürger kapitalistische Luft schnappen, fuhren sogar sie im Urlaub nach Ungarn.

Copyright: Klaus-Dieter Hiesche