Zauberhaftes Ungarn - Reise durch das Land, seine Kultur und Geschichte  
 
 

Sie sind hier: Startseite > Kunst und Kultur > Brauchtum

Kunst und Kultur in Ungarn

Brauchtum

  • Hochzeit
  • Trauer
  • Kirchweih
  • Ostern
  • Weihnachten
  • Fasching

    Hochzeit

    Die Hochzeitsfeier wird im ungarischen lakodalom genannt. Das Wort setzt sich aus den beiden Hauptwörtern lak, zu deutsch "Wohnung" und dal, zu deutsch "Lied, Gesang" zusammen. Weitere, damit verwandte Wörter sind lakoma, zu deutsch "Festmahl" und lakmározik, zu deutsch "schmausen". Man könnte also lakodalom auch mit "Ein in einer Wohnung von Gesang und Schmaus begleitetes Fest" übersetzen. In der Tat trifft das den Nerv: eine ungarische Hochzeit ist - und war früher vor allem - ein heiterer, von Trinken, Essen und Tanzen begleiteter, feuchtfröhlicher Schmaus, der kein Ende nehmen will.

    Die bäuerliche Hochzeit damals
    Die Partnerwahl war in aller Regel auf die Dorfgemeinde begrenzt und eher durch die wirtschaftlichen Erwägungen der Eltern als die persönliche Zuneigung der künftigen Ehepartner gesteuert. Zunächst erkundigten sich Verwandte oder gute Bekannte der Eltern des als Bräutigam kandidierenden jungen Burschen bei den Eltern der zugedachten Braut, ob er ihnen willkommen sei. Erst bei einer bejahenden Antwort konnte der junge Bursche, begleitet von den späteren Trauzeugen, auf Brautschau gehen.
    Bei einer Billigung, vor allem seitens der Eltern des Mädchen, wurde der Heiratsvertrag im Beisein beider Elternteile unterzeichnet, in dem der Ehemann seiner zukünftigen Ehefrau Geld, Grundbesitz etc. testamentarisch vermachte. Dann fand die Verlobung statt, bei der Verlobungsgeschenke ausgetauscht wurden. Der Bräutigam erhielt zumeist ein Bräutigamshemd, die Braut ein Brautkleid und Brautgeld.
    Damit war der Weg frei gemacht für die Einladung zur Hochzeit. Sie wurde von Jugendlichen und Kindern, den sogenannten Brautführern, vorgenommen. Sie zogen im Auftrag der Eltern der Braut und des Bräutigams durchs Dorf um die Leute einzuladen.
    Nach der Hochzeit würde das junge Paar im Elternhaus des Bräutigams wohnen. Hierhin wurde deshalb, am Tag vor der Hochzeit, in einer feierlichen Zeremonie die Aussteuer der Braut gebracht. Außerdem brachten die Hochzeitsgäste am Tag vor der Hochzeit neben Speisen, Kuchen und Getränken ihre Geschenke. Zu den wichtigsten Gegenständen der Aussteuer - wenn nicht der Wichtigste - zählte das Paradebett. Es wurde auf dem Brautwagen in einem feierlichen Zug, von Gesang und Tanz begleitet, durch das ganze Dorf gefahren und im Elternhaus des Bräutigams zur Schau gestellt.
    Am Morgen des Hochzeitstags war das Dorf festlich geschmückt. Die Hochzeitsgesellschaft versammelte sich in zwei Gruppen im Haus der Braut und des Bräutigams. Der Bräutigam legte sein Bräutigamshemd an, das ihm die Braut geschenkt hatte und begab sich dann zusammen mit den Brautführern zum Haus seiner Braut. Dort angekommen war es üblich, den Bräutigamszug nicht ohne weiteres einzulassen bzw. die Braut nicht sogleich herauszugeben. Die Brautführer mussten beispielsweise schwierige Fragen beantworten oder die Braut wurde spaßeshalber vertauscht. Während dessen wurde die Braut von den Brautjungfern schön frisiert und angekleidet. Das Brautkleid war in Ungarn lange Zeit dunkel. Das heutige weiße Brautkleid ist erst im 20. Jahrhundert üblich geworden.
    Schließlich brach die ganze Hochzeitsgesellschaft unter Leitung des Brautführers zur Kirche auf. Vielerorts wurde an der Spitze des Hochzeitszuges ein Hahn getragen.
    Während des Gottesdienstes wurden schöne, alte Lieder gesungen. Nach der Trauung gingen Braut und Bräutigam von Musikanten und ihren Hochzeitsgästen begleitet voneinander getrennt in ihr Elternhaus zurück. Dort wurde das Mittagessen eingenommen. Der Bräutigam sandte immer wieder Kuriere zum Haus der Braut und verlangte ihre Herausgabe. Schließlich machte er sich selbst zusammen mit seiner Hochzeitsgesellschaft auf den Weg, um seine Braut zu holen. Die Hochzeitsgäste der Braut folgten erst um Mitternacht oder gegen Morgengrauen singend und musizierend.
    Im Haus des Bräutigams war ein festlich gedeckter Tisch dem Brautpaar reserviert. Das Auftragen der einzelnen Gerichte wurde von dazu passenden Reimen begleitet. Zu Mitternacht, spätestens am folgenden Morgen, wurde der Braut der Jungfernkranz abgenommen. Dann zog sie sich um; sie legte ihr Hochzeitskleid ab und zog ihr erstes Frauenkleid (ungarisch: menyecskeruha) an. Dann wurde die junge Frau dem Brautführer übergeben, der sie der Hochzeitsgesellschaft vorstellte und zum Brauttanz lud.
    Mit dem Brauttanz begann die fröhliche Feier erst richtig. Eingeleitet wurde der Brauttanz mit dem Ruf Eladó a menyassony!, zu deutsch "Die Braut ist zu verkaufen!" Der Reihe nach wurde die Braut von den Hochzeitsgästen zum Tanz aufgefordert, nachdem man zuvor Geld auf einen Teller oder in eine Büchse geworfen hatte. Nach dem Tanz trank man ein Glas Wein auf ihre Gesundheit. Nachdem alle Gäste mit der Braut getanzt hatten, beendete der Bräutigam den Tanz seiner Braut, indem er eine größere Geldsumme auf den Teller oder in die Büchse warf.
    Der Brauttanz war immer langsam. Jetzt wurde um so lebhafter weitergetanzt. Überhaupt spielte der Tanz bei Hochzeiten früher eine große Rolle. Das ist um so verständlicher, da eine Hochzeitsfeier früher ein bis zwei Wochen andauern konnte. Tanz gab es bereits bei der Brautschau und der Verlobung. Während der kirchlichen Zeremonie gab es den Priestertanz. Während der Hochzeit gab es den Tanz für die geladenen und die ungeladenen Gäste. Letztere mussten sich mit ein bis zwei kurzen Tänzen begnügen. Zahlreich waren auch die oft zeremoniellen Tänze vor und nach der Hochzeit, wie z.B. das Brautsengen bei den Palóczen (eine Art Feuertanz), der Mäusetanz, Kerzentanz und Polstertanz.

    Die (bäuerliche) Hochzeit heute
    Eine Hochzeit wird in Ungarn, vor allem auf dem Land, noch immer in großem Kreis gefeiert. Sie beginnt bereits, wiederum vor allem auf dem Land, Tage zuvor mit dem Schlachten - sofern die Voraussetzungen dafür gegeben sind, d.h. Braut und/oder Bräutigam über einen Bauernhof verfügen bzw. Tiere halten. Geschlachtet wird alles, vom Federvieh übers Schwein bis zum Rind. Und in großen Mengen dazu, denn zu einer ungarischen Hochzeit gehört ein reichliches Essen. Was dabei nicht verzehrt werden kann, wird entweder durch eine Nachfeier an den folgenden Tagen gegessen oder an die Gäste verschenkt.

    Zu einer ungarischen Hochzeit gehört der Hochzeitslader. Er trägt einen mit bunten Bändern geschmückten Stab. In einigen Gegenden Ungarns tritt er schon vor der eigentlichen Hochzeit in Szene: er geht dann zusammen mit dem Brautpaar von Haus zu Haus und lädt die Gäste in Reimform zur Hochzeit ein. Seine Hauptrolle erfüllt er aber als Stimmungsmacher, indem er mit passenden Trinksprüchen durch die Hochzeitsfeier führt.


    Hochzeitslader, südliche Große Tiefebene
    Hochzeitslader

    Rechtlich ist für eine Heirat in Ungarn das Standesamt zuständig. Ein Absegnen durch den Priester vor dem Traualtar in einer Kirche allein ist rechtlich nicht verbindlich. Der spätere Ehering wird bereits während der Verlobungszeit getragen und zwar an der linken Hand. Er wird zum Ehering nach der (standesamtlichen) Hochzeit, indem er auf die rechte Hand wechselt.

    Die Hochzeitsfeier ist gekennzeichnet von Ausgelassenheit was Essen, Trinken und Tanzen anbelangt. Eine Menüordnung ist nicht immer erkennbar; zumindest verliert der Gast rasch den Überblick. Getrunken wird durcheinander was das Herz begehrt. Und begleitet wird das Gelage von einer pausenlos und wild aufspielenden Kapelle, wobei jeder jeden zum Tanz aufbieten kann, wodurch die verschiedensten Paarungen entstehen: neben monogamen auch polygame sowie Frauen, die mit anderen Frauen über die Tanzfläche wirbeln. Und dazwischen immer wieder Kinder, die hüpfend und springend sich den heißen magyarischen Rhythmen hingeben.

    Eine Ordnung im Chaos kehrt erst kurz vor Mitternacht mit dem Brauttanz ein. Es handelt sich hierbei um einen Geldtanz; jeder, der mit der Braut ein paar Sekunden tanzen möchte, muss diesen Tanz kaufen. Eingesammelt wird das Tanzgeld in der Regel anonym in einer Büchse, manchmal auch offen in einem Schuh der Braut. Dieser Brauttanz ist kein Almosen; meistens wird beim Tanzgeld nicht gegeizt, weshalb die Einnahmen für ungarische Verhältnisse beachtliche Ausmaße erreichen können.

    Einer alten Tradition zufolge wird aus der Braut ab Mitternacht des Hochzeitstages eine verheiratete Frau und sie zeigt diesen Wandel, indem sie sich von ihrem Brautkleid trennt. Früher legte sie ein Kleid in der regionalen Tracht an. Heute ist es ein modernes Partykleid in roter oder blauer Farbe.

    Trauer

    Zum Brauchtum der - heute kaum noch gepflegten - Totenklage, lesen Sie bitte meine kurze Geschichte.

    Kirchweih

    Die Kirchweih wird in Ungarn búcsú genannt. Das Wort bedeutet heute Abschied; vom Mittelalter an wurde der Begriff unter dem Einfluss der katholischen Kirche durch Bedeutungen wie Sündenvergebung, Lossprechung und schließlich Wallfahrt und Kirchweihfest erweitert. In vielen Gemeinden waren die Kirchweih mit Legenden verbunden; man pilgerte an solchen Tagen zu in einer Kirche untergebrachten Heiligenbildern oder Standbildern. Bekannte Wallfahrtsorte in Ungarn sind Máriapócs, Márianosztra und Andócs. Mit der Kirchweih verbanden sich auch vielerorts weltliche Feste wie Heiratsmärkte und Jahrmärkte. Die Älteren nutzten die Wallfahrt in erster Hand für den Kirchgang; die Jüngeren für den Besuch des Jahrmarkts oder eines Wirtshauses.
    Heute wird die Kirchweih zwar noch immer gefeiert, der kirchliche Aspekt ist aber weitgehend in Vergessenheit geraten; die weltlichen Aspekte dominieren und besitzen die Anziehungskraft.

    Hierzu zwei anschauliche Geschichten aus den 1990er Jahren zur Feier der Kirchweih im Raum Örség:

  • Kirchweih I
  • Kirchweih II

    Ostern

    Das Osterfest heißt auf Ungarisch husvét, was soviel bedeutet wie "Fleisch nehmen": sprich, die Fastenzeit ist vorbei, es darf wieder Fleisch gegessen werden.
    Mit dem Osterfest sind einige, auch heute noch (in abgewandelter Form) gepflegte Bräuche verbunden.

    Von Gründonnerstag bis Ostersamstag wird möglichst kein Fleisch gegessen. Der Ostersamstag steht ganz im Zeichen der Osterfeuer. In manchen Gegenden werden in den Dörfern abends überall Feuer angezündet, bei denen sich die Burschen und Mädel bis Mitternacht die Zeit verbringen.

    Der Ostersonntag ist zunächst verhältnismäßig "undramatisch". Das traditionelle Osteressen an diesem Tag ist gepökelte Schweinshaxe. Dazu werden gern Meerrettich und gemalte Ostereier gereicht. Gerade das Malen der Ostereier hat in Ungarn eine alte Tradition mit je nach Gegend sehr variablen Mustern.

    Richtig "aufregend" wird es am Ostermontag. Das ist der Tag des husvéti locsolás, des Österlichen Begießens. Früher wurden bei diesem Brauch die Mädchen (auf dem Lande) richtig nass. Sie mussten durch ein Spalier aus jungen Männern laufen und wurden dabei eimerweise mit frisch geschöpftem Brunnenwasser begossen. Woher der Brauch stammt, ist nicht ganz klar. Vermutlich ist er heidnischen Ursprungs. Das Begießen mit Wasser war eine symbolische Reinigung zum Frühlingsbeginn. Es war aber auch ein Spiel der Geschlechter: ein Mädchen, das trocken blieb, würde in diesem Jahr nicht mehr heiraten.
    Heute ist der Brauch noch immer lebendig, allerdings wurde er "zivilisiert". Die Mädchen werden nicht mehr nass und beteiligt sind alle Altersklassen. Mit einem Parfümfläschchen bewaffnet ziehen am Ostermontag, gleich nach dem Frühstück, Vertreter des männlichen Geschlechts - vom Knaben bis zum Greis - aus, um zunächst die weibliche Verwandtschaft - bei Jugendlichen auch die Verehrte - zu besprühen, nachdem sie vorher einen kleinen Reim aufgesagt haben.
    Ein im ganzen Land verbreitetes Beispiel sei hier genannt:
    Zöld erdöben jártam, Kék ibolyát láttam, Elakart hervadni, Szabad-e locsolni?
    Zu deutsch:
    Ich ging im grünen Wald, Sah ein blaues Veilchen, Es wollte verwelken, Darf ich es wohl gießen?

    Als Dank gibt es für die Knaben Süßigkeiten, Kuchen und kleine Geldgeschenke, für die Erwachsenen etwas Deftiges und vor allem einen kräftigen Schnaps. Je länger der Tag oder vor allem, je größer die weibliche Verwandtschaft, kann es daher dann doch noch ganz schön nass werden, jedoch nicht wie früher für die Begossenen, sondern für den Begießer.
    Lesen Sie bitte, passend zum Thema, meine Geschichte von 1989 aus dem Örség zum Osterfeuer und Begießen zu Ostern.

    Weihnachten

    Das Weihnachtsfest (ungarisch karácsony) zählt zu den großen Feiertagen in Ungarn und wird im ganzen Lande begangen. Es beginnt wie im deutschsprachigen Raum mit den Weihnachtsmärkten und dem Weihnachtsgebäck im Advent und endet am 6. Januar mit dem Hl. Dreikönigstag Das erste größere Ereignis der Vorweihnachtszeit ist der Nikolaustag am 6. Dezember. Dann kommt der mikulás mit seinem weißen Bart und roten Mantel. Er wird vom krampusz (Knecht Ruprecht) begleitet und bringt den braven Kindern Süßigkeiten, Obst oder kleinere Geschenke. Die weniger braven bekommen eine Rute. Vor nicht allzu langer Zeit, während des Sozialismus, hieß er nicht mikulás sondern télapu, zu deutsch "Vater des Winters", aber seine Funktion war die gleiche (siehe auch weiter unten).
    Das nächste Ereignis war der früher vor allem in ländlichen Gegenden begangene luca napja, Lucientag, am 13. Dezember. An diesem Tag war es den Frauen verboten zu arbeiten - das sollte die Legebereitschaft der Hühner steigern - während die Männer zur Arbeit schritten: sie begannen einen Stuhl, nach Möglichkeit aus sieben - einer der magischen Zahlen - Holzarten, zu bauen. Der Stuhl musste gerade bis zum 24. Dezember fertig sein. Dann nahm man ihn mit in die Christmette und wenn man sich auf ihn stellte, so konnte man die Hexen sehen und sie vertreiben. Am 13. Dezember war es auch üblich, einen kleinen Topf Weizen zu sähen und mit Hilfe des Bleigießens versuchten die Mädchen herauszufinden, welchen Beruf ihr Zukünftiger haben werde.
    Zur Vorweihnachtszeit gehört auch das Krippenspiel, das sich auch heute noch in einigen Gegenden, vor allem in Ostungarn um Debrecen, gehalten hat. Es wird nicht nur in Kirchen gespielt. In Dörfern ziehen zu Hirten mit furchterregenden Masken verkleidete Jugendliche von Haus zu Haus, um die Weihnachtsgeschichte nachzuspielen.
    Der 21. Dezember war - und ist zuweilen noch in ländlichen Gegenden - der Tag des Schweineschlachtens.
    Der Weihnachtsbaum hat inzwischen einen festen Platz in der ungarischen Weihnachtsstube. Sein wichtigster Schmuck sind die szaloncukor genannten Süßigkeiten, in buntes Stanniol eingewickelte Schokoladenpralinen, oft verfeinert mit Fruchtgeleefüllung. Das Essen steht am 24. Dezember nicht im Vordergrund; gereicht wird traditionell Fischsuppe und als Hauptgang gebratener Fisch oder Pute. Am Weihnachtstag ist dann gefülltes Kraut üblich. Untrennbar mit ganz Weihnachten verbunden ist der beigli genannte Nuss- oder Mohnstollen.
    Der Knabe im Stall zu Bethlehem hat bekanntlich zwei Gestalten: er ist sowohl Gottes Sohn wie Mensch. Seiner göttlichen Gestalt entsprechend, wird er Christus (Messias, Gesalbter) genannt; als Mensch trägt er den bürgerlichen Namen Jesus. Diese Zweinamigkeit hat die vielen Begleiterscheinungen des Weihnachtsfests, vornehmlich das Überbringen der Geschenke und die Weihnachtslieder, maßgeblich beeinflusst. Im westlichen Abendland ist, je nach Glaubensbekenntnis, entweder das Christkind oder der Weihnachtsmann, für die Geschenke zuständig. Beide Gestalten bewegen sich in ihrer Funktion allerdings in dem ideologisch fragwürdigen weihnachtlichen Irrgarten aus Kommerz und dem Wunder im elenden Stall zu Bethlehem: der in protestantischen Lebensgemeinschaften verbreitete Weihnachtsmann ist ja bekanntlich ein Nachfahre des heiligen Nikolaus und auch der Name Weihnachtsmann erinnert an die "weihen Nächte" bzw. suggeriert eine Heiligkeit des Weihnachtsmanns. Das in katholischen Kreisen wirkende Christkind - es legt die Gaben anonym unter den Christbaum, nachdem es sich zuvor mit dem lieblichen Läuten eines Glöckchens angekündigt hat - verdankt wiederum seine Bezeichnung der Christnacht, also der Nacht Christi (Gottes Sohn). Die Ungarn haben zur Entflechtung dieses weihnachtlichen Irrgartens beigetragen bzw. ihre Hausaufgabe besser gemacht, als ihre (westlichen) Nachbarn, indem sie die Gestalt des Gabenüberbringers säkularisiert haben: der Weihnachtsmann heißt in Ungarn télapu, was soviel bedeutet wie Vater des Winters. Das Väterchen Frost aus Russland lässt ebenfalls grüßen; bekanntlich überbringt es ja die Geschenke in der Neujahrsnacht. Und das Christkind heißt in Ungarn Jézuska = Jesulein, d.h. es verteilt seine Gaben unter seinem bürgerlichen Namen.
    Der erste Weihnachtsfeiertag war auch der Tag des Bethlehemspielens (ungarisch bethlemezés). Dieser Brauch wird in ländlichen Gegenden zum Teil noch heute gepflegt. Kinder ziehen von Haus zu Haus und spielen gegen eine geringe Spende für arme Leute ein Krippenspiel.
    Der 28. Dezember war der Tag der unschuldigen Kindlein, mit den man den von Herodes in Jerusalem getöteten Kindern gedachte. Früher wurden an diesem Tag vor allem Knaben zum Nachbarn geschickt und dort mit Ruten gegeißelt. Heute ist dieser Brauch abgeschafft; nur noch in der Kirche wird seiner gedacht.
    Silvester wird, vor allem in der Stadt, gern in einem Gasthaus gefeiert. In Budapest findet jedes Jahr um Mitternacht das große Silvesterfeuerwerk statt.
    Am Dreikönigsfest, am 6. Januar, zieht in ländlichen Gegenden der Pfarrer mit dem Kantor und einigen Ministranten auch heute noch durchs Dorf und weiht nacheinander die Häuser, indem sie über die Eingangstür die drei Buchstaben K+M+B als Namenszeichen der Heiligen Drei Könige und die Jahreszahl mit Kreide zeichnen. Die Bewohner spenden dafür Lebensmittel und Geld.

    Weihnachtslieder

    Wie bei uns, erfreuen sich auch in Ungarn weihnachtliche Lieder großer Beliebtheit, wobei neben einheimischen auch importierte Melodien (zunehmend) gehört - leider weniger gesungen - werden. Nachfolgend möchte ich Sie mit einigen einheimischen ungarischen Liedern der Weihnacht kurz bekannt machen.
  • Mennyböl az angyal
    Dieses Lied ist das wahrscheinlich populärste ungarische Weihnachtslied. Es wurde Ende des 18. Jahrhunderts vom Pfarrer Mihály Szentmihály aus Boconád im Süden der Region Nordungarn in F-Dur komponiert und ist ein Kirchenlied. Von seiner Heimat verbreitete es sich rasch über ganz Ungarn. Der schlichte Text aus vier Strofen passt zu der einfühlsamen Melodie; der Text erzählt, wie der Engel herab zu den Hirten kommt und sie auffordert, zur Krippe in Bethlehem zu eilen, um dort den Jesusknaben zu huldigen und anzubeten.
  • Kiskarácsony, Nagykarácsony
    Ursprünglich ein ungarisches Volkslied aus dem Komitat Nógrád nördlich von Budapest. Die Melodie in F-Dur folgt dem für ungarische Volksweisen des neueren Stils typischen Schema AABBx. Der Text aus vier Strofen befasst sich zunächst mit weltlichen Begleiterscheinungen des Weihnachtsfests wie Stollen backen und Christbaumstellen; erst die letzten beiden Strofen erinnern an die Geburt Jesus Christus.
  • A kis Jézus megszülettet
    Auch hierbei handelt es sich um ein ungarisches Volkslied mit Ahnen bis ins 16. Jahrhundert. "Wiederentdeckt" bzw. aufgezeichnet wurde es im Raum zwischen Pilis und Kiskunlacháza der Region Mittelungarn zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch hier ist die Melodie in F-Dur gefasst und auch hier folgt sie dem für ungarische Weisen des neueren Stils typischen Schema AABBx. Der Text aus zwei Strofen verkündet die Geburt des Jesusknaben im Stall zu Bethlehem und mahnt den Besucher den Knaben und die Jungfrau Maria zu huldigen und in Freude zu lobpreisen.
  • Csordapásztorok
    Dieses ungarische Kirchenlied zählt zu den ältesten ungarischen Weihnachtsliedern. Sein Text ist bereits seit 1651 im vom Bischof in Eger herausgegebenen Cantus Catholici belegt. Die Melodie ist in der phrygischen Kirchentonart verfasst. Vom Inhalt her ist es ein Hirtenlied. Die 13 Strofen erzählen, wie der Engel zu den Hirten herabsteigt, um ihnen die frohe Botschaft von der Geburt des Erlösers zu verkünden und sie aufzurufen, an seine Wiege zu eilen und den Segen zu empfangen.
  • Dicsöség mennyben az Istennek
    Dieses ungarische katholische Kirchenlied mit Text vom Mönch Simon Jukundián ist aus dem Jahr 1855. Die Melodie in C-Dur folgt dem Schema AABC. Die Erzählung in fünf Strofen ist eher feierlich-hochtrabend. Es wird darin aufgefordert, den himmlischen Herrscher und das göttliche Kind zu ehren. Den Menschen wird Frieden auf Erden gewünscht, der Jesusknabe gebeten, die Menschen zu erhören und nicht zu verstoßen.
  • Pásztorok, pásztorok
    Dieses ungarische evangelische Kirchenlied wurde um 1855 vom Dichter Bela Tárkányi aus Eger verfasst. Die Melodie in C-Dur folgt dem Schema AA5BA. Die vier Strofen erzählen von der Geburt Jesu: wie die Hirten nach Bethlehem eilen, um dem Jesusknaben zu huldigen. Aber auch der Leser wird in den Aufruf mit einbezogen. Letztlich kommt auch dem himmlischen Vater Lob und Ehre zu Teil.
  • Ó, gyöngörü szép
    Auch dies ist ein evangelisches Kirchenlied; der Text (1844) stammt von Ilona Czikéné Lovich, Lehrerin an einer Bürgerschule. Die Melodie in C-Dur folgt dem Schema AABBx. Vom Inhalt her widmet sich das Lied der Geburt Jesu.

    Eine Ungarische Weihnachtsgeschichte.

    Fasching und Karneval

    Fasching bzw. Karneval wird in katholischen Gegenden Ungarns in verschiedenen Varianten gefeiert. Zu einen der bekanntesten und auf geschichtlichem Boden herangewachsenen Faschingsbräuche gehört das als busójárás bezeichnete Faschingstreiben im Donaustädtchen Mohács in der Region Südtransdanubien.

    Der historische Hintergrund
    Nach der vernichtenden Niederlage der Ungarn gegen die Türken 1526 auf dem Schlachtfeld bei Mohács suchte die ungarische Bevölkerung von Mohács Schutz im Sumpf- und Rohrgebüsch der vor Mohács liegenden Donauinsel. Eine Großteil der Bevölkerung in Mohács waren damals die slawische Volksgruppe der Schokazen.
    Die Türken wagten sich nicht in das Sumpfgebiet. Die Flüchtlinge ihrerseits übten sich in Geduld und sannen auf Rache. In einer schrecklichen Sturmnacht im Jahre 1687 schlug ihre Stunde. Sie setzten furchterregende Masken auf, legten Kleider aus Tierfellen an, an denen Viehglocken hingen und bewaffneten sich mit Keulen. Dann setzten sie in Einbäumen über die Donau und überfielen die nichtsahnenden Türken, die sich dem Sturm in ihre Hütten zurückgezogen hatten. Die Türken flohen besinnungslos.

    Busójárás
    Auch heute kommen die furchterregenden Masken in ihren Einbäumen über die Donau von der Insel herüber nach Mohács. Hier ziehen sie zum Kóló-Platz, wo bereits ein großes Publikum auf sie wartet. Einen Kanonendonner folgend setzt sich die ganze Gesellschaft in Bewegung, begleitet von Scherzen, Klappern, Glockengeräusch. Vor dem Rathaus am Széchenyi-Platz werden alle vom Bürgermeister mit Schnaps und Wein bewirtet. Dann kehren alle zum Donauufer zurück. Dort beginnt ein buntes Treiben.
    Das Busójárás-Fest beginnt am Faschingsdonnerstag und endet nach sechs Tagen am Aschermittwoch. Während dieser Zeit ist Mohács beherrscht von in Flecken gekleideten Kindern und Männern in charakteristischen Teufelsmasken und bekleidet in Schafpelzen und Fellen. Die Kinder jagen durch die Straßen und schreien poklada! poklada! (Wiedergeburt); die Männer ziehen durch die Straßen und blasen in ihre aus Holz gemachten Buschohörner. Die Frauen bieten Faschingskrapfen und gefülltes Kraut feil. Die Handwerker bieten ihre Waren an.
    2009 wurde das Busójárás-Fest auf die Liste der immateriellen Kulturerbe der UNESCO aufgenommen.

    Zum Seitenanfang.

    Aktualisiert am 30.12.2016