Der Charakter eines Weins wird grundsätzlich von den klimatischen
Gegebenheiten seines Herkunftsortes bestimmt. Auf der nördlichen Halbkugel
ist der kommerzielle Weinbau gegenwärtig (Klimawandel!) nur zwischem
dem 30. und 50. Breitengrad sinnvoll. Diese Tatsache hat mit Sonneneinstrahlung
zu tun: damit die Weintrauben eine für die Weinproduktion erforderliche
Reife (= Menge an Zucker, Aromastoffen und Säuren) entfalten können,
bedarf es einer gewissen Jahresmenge an Sonneneinstrahlung.
Nachfolgend sind die Daten hinsichtlich geografischer Lage und Klima
der wichtigsten europäischen Weinländer aufgeführt:
Geografische Lage
- Deutschland: zwischen dem 48. Breitengrad (Baden) und 51. Breitengrad
(Sachsen, Ahr).
- Frankreich: zwischen dem 41. Breitengrad (Südspitze von Korsika),
bzw. auf dem Festland: 43. Breitengrad (Languedoc Roussillion) und
dem 49. Breitengrad (Champagne).
- Italien: zwischen dem 36. Breitengrad (Südspitze von Sizilien) bzw.
auf dem Festland: 38. Breitengrad (Kalabrien) und 46. Breitengrad
(Südtirol).
- Spanien: zwischen dem 36. Breitengrad (Andalusien) und 43. Breitengrad
(Navarra, Rioja, Galizien).
Sonnenstunden (Durchschnitt pro Jahr)
Hinweise:
- Von Jahr zu Jahr sind die Anzahl der Sonnenstunden starken Schwankungen
unterlaufen. - Die Aufzeichnungen sind nicht standardisiert und werden
gern gerundet.
- Die nachfolgenden Angaben sind daher nicht strikt vergleichbar sondern
dienen nur der Orientierung.
2011 schien
die Sonne in Deutschland dem Deutschen Wetterdienst zufolge im Durchschnitt
1824 Std.
An der nördlichen Grenzen des europäischen Weinanbaugebietes haben
die Weine aufgrund der geringen Sonneneinstrahlung und folglich
geringen Wärmemenge folgende Eigenschaften:
- einen relativ niedrigen Alkoholgehalt
- sie verfügen über ausgeprägte Säuren (sind "rassig")
- reich an primären (in der Traube bei der Lese vorhandenen)
Duft- und Geschmackstoffen (erfrischendes Bukett)
- geringen Extraktgehalt (wenig "Körper").
Im sonnigen Süden, dagegen, haben die Weine folgende Eigenschaften:
- einen relativ hohen Alkoholgehalt (sie sind "feurig") allerdings
auf Kosten ihres Gehalt an Säuren und Duft-/Geschmacks-
stoffen.
- säurearm
- arm an primären Duft- und Geschmacksstoffen (eintönig im
Bukett)
- hohen Extraktgehalt (haben "Körper).
Ausbau
Die Winzer sind bestrebt, die günstigen natürlichen Gegebenheiten
des jeweiligen Anbaugebiets zu fördern und die ungünstigen dagegen
zu mildern. Hierfür stehen ihnen vor allem die Technologien der
Önologie zur Verfügung. Zwei Extreme haben sich herausgearbeitet:
das Bestreben, die primären Duft- und Geschmacksstoffe zu
bewahren und in den Wein weiterzuleiten. Diese Technologie nennt
sich "reduktiver (=ohne Luftzufuhr) Ausbau". Sie kommt vor allem
bei Weinbauern an den nördlichen Grenzen des europäischen Weinbaugebietes
zum Einsatz. Ihr wichtigstes Werkzeug ist die Verhinderung der Oxydation
(u.a. Schwefeln, Einsatz von Edelstahlbehältern - anstelle
von Eichenholzfässern - und kurze Lagerzeiten.
das Bestreben, den Mangel an primären Duft- und Geschmacksstoffen
durch die Bildung sekundärer Duft- und Geschmacksstoffen entgegenzusteuern.
Diese Technologie nennt sich "oxydativer Ausbau". Sie kommt vor
allem bei Weinbauern in den südlichen Regionen des europäischen
Weinbaugebietes zum Einsatz und ihr wichtigstes Werkzeug ist, wie
bereits der Name der Technologie besagt, die Förderung der Oxydation
(u.a. durch alle Maßnahmen, die einen Luftzutritt begünstigen -
z.B. Einsatz von Holz- anstelle von Edelstahlfässern - und lange
Lagerungszeiten).
Die Situation in Ungarn
Kurze Geschichte des ungarischen Weins
Bedingt durch sein Klima und seine Böden blickt der ungarische Wein
auf eine lange Geschichte zurück. Auf dem Gebiet des heutigen Ungarns
haben bereits die Kelten 600 Jahre vor unserer Zeitrechnung Wein
angebaut. Diese Tradition wurde dann ohne Abbruch bis in unsere
Zeiten weitergeführt, zunächst von den Römern, gefolgt von italienischen
Mönchen, Hugenotten, Donauschwaben und - selbstverständlich - ungarischen
Winzern.
Der Weinbau wurde nicht nur als Zeitvertrieb betrieben, sondern
erreichte bereits im Mittelalter auch wirtschaftliche Bedeutung.
Um die Wende des 17. und 18. Jhs. wurde der Tokajer zu einem der
weltweit berühmtesten Weine. Anfang des 20. Jhs. waren ungarische
Weine europaweit geschätzt. Der Absturz kam mit dem Ende des zweiten
Weltkriegs und der Einführung der auf Menge auf Kosten der Qualität
arbeitenden staatlichen Genossenschaften. (Privatpersonen war das
Keltern von Wein verboten). Diese Massenware ruinierte den bis dahin
guten Ruf des ungarischen Weins.
Die Renaissance des ungarischen Weins erfolgte mit der politischen
Wende 1989. Viele Ungarn - alte Winzer und Autodidakten - aber auch
ausländische Investoren kauften Weinberge und Kellereien. Ungarische
Weinakademien hatten regen Zulauf, aber viele Winzer holten auch
Wissen durch gezielte Reisen in die großen europäischen Weinländer. Heutige Situation
Die großen ungarischen Kellereien arbeiten heute nach modernsten
Standards. Sie erzeugen gegenwärtig rund 5 Millionen Hektoliter
jährlich; Zweidrittel davon sind Weißweine ohne besonderen Körper
und Aromen, die aber gut zu den ungarischen Gerichten passen. Unter
den roten Weinen, wiederum, befinden sich ware Spitzenerzeugnisse,
die bei den wichtigen Blindverkostungen in Bordeaux und Paris Gold-
und Silbermedaillen gewinnen.
Leider ist der ungarische Wein gegenwärtig kein Exportschlager.
Der Grund ist weniger die Qualität als die Kombination aus Quantität
und Statussymbol: Ungarische Weine genießen unter Ungarn Kultstatus;
der Ungarn ist stolz auf seinen ungarischen Wein und er trinkt folglich
ungarischen Wein. Die produzierte Menge ist daher in Verbindung
mit dem hohen Eigenverbrauch für den Export schlicht zu gering.
Am ehesten gelangen noch einfachere Weine in den ausländischen Handel.
Will man daher in den Genuss eines ungarischen Weins, vor allem
eines der Großen, gelangen, dann muss man an die Quelle reisen,
am besten zum Winzer (allein wegen der Atmosphäre) oder man besucht eine
der vor allem auf Budapest konzentrierten inzwischen aber auch auf
andere Städte ausgelagerten Vinotheken.
Boden
Vielerorts vulkanische Unterschicht überlagert von Kalk oder mit
verwittertem Basalt vermischtem Löss bzw. brauner oder schwarzer
Walderde.
Geografische Lage
Die ungarischen Weinbaugebiete liegen zwischen dem 48. Breitengrad
im Norden (Tokaj, Eger) und dem 46. Breitengrad im Süden (Villány).
Die ungarischen Weinbaugebiete liegen daher geografisch gesehen
etwas südlich der deutschen Gebiete, nördlich der italienischen
und spanischen und etwa auf der Ebene von Bordeaux in Frankreich.
Klima
Überwiegend kontinentales Klima mit kalten Wintern, Regen im Frühling
und Frühsommer, heißen und trockenen Sommern und Herbst. In einigen
Regionen (wie beispielsweise besonders ausgeprägt in Villány, Eger,
Tokaj und Balaton-Badacsony) aber auch eine den ungarischen Weinbau
begünstigende Mischung aus kontinentalem und (sub)mediterranem Klima
gepaart mit den die Vermehrung des Edelpilzes Botrytis zu
Gute kommenden Nebeln im Spätherbst. Sonnenstunden:
1920 (Balaton 2011), 1980 (Eger 2011), 1980 (Pécs 2011), 2100-2150
(Villány 2010).
Was die durchschnittlichen Sonnenstunden anbelangt können sich
die ungarischen Weinbaugebiete natürlich nicht mit den spanischen,
italienischen und südfranzösischen messen, können sich aber
mit den Weinbaugebieten um Bordeaux, Nordspanien und Norditalien
vergleichen und schneiden besser ab als die deutschen.
Rebsorten
Auf 100 000 ha Rebfläche landesweit (nur in den östlichsten, an
die Ukraine und Rumänien grenzenden Regionen Ungarns wird kein Wein
angebaut) werden zu Zweidrittel weiße Rebsorten
angebaut, allen voran Welschriesling (Olasrizling) gefolgt von Lindenblättriger
(Harslevelü), Furmint, Lämmerschwanz (Juhfark), Zenit und Blaustängler
(Kéknyelü). Von den roten dominieren Blaufränkisch (Kékfrankos),
Blauer Portugieser (Kékoporto), Cabernet sauvignon, Merlot und Pinot
noir.
Weincharakter
Bedingt durch die geografische Lage der ungarischen Weinbaugebiete
sind die Weine eher für den "nördlichen" Charakter prädestiniert,
d.h. sie sind zwar rassig und haben ein reiches Bukett, aber dünn
(verhältnismäßig alkoholarm) und mit wenig Körper. Es gibt jedoch
glücklicherweise ein Aber: im Großraum Ungarn herrscht zwar
ausgeprägtes Kontinentalklima, aber manche ungarische Weinbaugebiete
stehen unter einem, die Klimaextremen des Kontinentalklimas mildernden,
mediterranem Einfluss. Diese Wechselwirkung zwischen kontinentalem
und mediterranem Klima ist in Ungarn so einzigartig wie in keiner
anderen europäischem Weinregion und die hier angepflanzten Rebsorten
profitieren natürlich davon: die Trauben reifen zu einem mit südlicheren
Anbaugebieten vergleichbarem hohen Zuckergehalt, der aber - im Unterschied
zu den Anbaugebieten in Italien und Spanien - nicht allzu Stark
zu Lasten der Säurebildung und der primären Duft- und Geschmacksstoffe
geht, d.h. die Weine sind auch feurig und haben Körper.
Ausbau
Mit dem Systemwechsel 1990 hat ein Umdenken bei den ungarischen
Winzern eingesetzt. Zunächst setzt man - den einzigartigen klimatischen
Verhältnissen Rechnung tragend - vermehrt auch auf einen oxydativen
Ausbau. Des weiteren werden neben - oder anstelle von - traditionellen
ungarischen Rebsorten ausländische - vor allem Bordeaux-Rebsorten
- angepflanzt. Drittens wird zunehmend Qualität anstelle von Quantität
prioritiert und nicht zuletzt erfreut sich der ökologische Weinbau
zunehmender Beliebtheit.
Erste Erfolge zeichnen sich ab. Vor allem die Weinbaugebiete Villány-Siklós,
Eger (Erlau), Sopron und Tokaj erzeugen international prämierte
Spitzenweine, die aber bislang hierzulande leider nicht kaum zu
haben sind (wegen der oben erwähnten im Vergleich zum Eigenkonsum
in Ungarn zu geringen Landesproduktion). Da bleibt nur die eindringliche
Empfehlung: nutzen Sie ihren Ungarnaufenthalt zu einer Verkostung
dieser hochwertigen Weine Vorort und decken sie sich für die Heimreise
damit ein.
Weinetikett
Beim Kauf eines ungarischen Weins sollte man unbedingt auf folgende
Angaben auf dem Weinetikett achten:
Die aus zwei Wörtern bestehende Bezeichnung: das erste Wort benennt
das Weinbaugebiet, das zweite entweder die Rebsorte oder die Art
des Weines, z.B.: Villányi Kékfrankos (Blauburgunder aus dem Weinbaugebiet
Villány) oder Egri Bikavér (eine Rotweinart 'Stierblut' aus dem
Gebiet Eger/Erlau).
Entsprechend den Gegebenheiten von Boden und Klima ist der Anbau
von Wein in Ungarn in gegenwärtig 22 Weinregionen gegliedert.
Regionen mit Anbau von überwiegend (> 75% flächenmäßig) weißen Rebsorten
Region 2: Groß-Somló Kleinste Weinbauregion Ungarns, die Heimat des legendären Somlóer Juhfarks, eines trockenen Hausweins aus der Habsburger Kaiserdynastie.
Region 3: Zala / Balatonmelléke Kleine Region überwiegend mit Welschriesling bebaut. Duftende, säure- und aromareiche Weine.
Region 7: Balatonboglár
Zusammenfassend für die Regionen 4 bis 7: Die Weinkultur des Plattensees
blickt auf eine lange Geschichte zurück; bereits die Kelten und
Römer bauten hier wegen der klimatischen und territorialen Besonderheiten
Wein an. Heute werden hier, neben "Konsumentenware", vor allem in
den am Nordufer gelegenen Regionen echte Spitzenprodukte erzeugt,
die auch den Weinkenner überzeugen.
Region 8: Pannonhalma Die nach Groß-Somló kleinste, jedoch aufstrebende Weinbauregion Ungarns, vorrangig in Händen der gleichnamigen Abtei.
Region 9: Mór Kleinere Weinregion mit einem Juwel: dem Mórer Tausendgut (Móri Ezerjó), der, in guten Jahren, zu einem bemerkenswertem Süßwein ausgebaut wird.
Region 10: Etyek-Buda
Ausflugsgebiet der Budapester mit malerischen Weindörfern und Weinkellereien.
Angebaut werden vor allem Welschriesling und Chardonnay. Die Weine
sind frisch und säurehaltig.
Region 11: Ászár-Neszmély Mittelgroße Weinregion für leichte, frische und säurereiche Weißweine.
Region 14: Pécs/Mecsekalja Kleine Weinregion an den Hängen des Mecsekgebirges. Schwere, süße Weißweine mit hohem Alkoholgehalt.
Region 17: Kumanien
Größte Weinbauregion Ungarns. Erzeugt werden vor allem weiße
Tafelweine.
Region 18: Csongrád Mittelgroße Weinregion. Erzeugt werden Tafelweine mit geringem Säuregehalt.
Region 19: Mátra Große Region am Fuße des Mátragebirges mit vor allem Welschriesling, Chardonnay und Mädchentraube (Leányka). Die Weißweine sind
frisch, duftig und haben eine leichte Säure.
Region 21: Bükk
Region an den südlichen Hängen des Bükkgebirges. Wichtigste Rebsorten
sind Welschriesling, Mädchentraube (Leányka) und Riesling Sylvaner.
Region 22: Tokaj-Hegyalja Die Heimat des legendären goldgelben, ölig-honigsüßen Tokajers, des "Königs der Weine" des "Weines der Könige". Das
Weinbaugebiet wurde 2002 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
Regionen mit Anbau von überwiegend (>75% flächenmäßig) roten Rebsorten
Region 1: Sopron Verhältnismäßig kleine Weinregion im nordwestlichen Zipfel Ungarns. Typische Rebsorte ist Blaufränkisch (Kékfrankos), die
zu säurereichen, fruchtigen und frischen Weinen ausgebaut wird.
Region 13: Szekszárd Berühmte Weinregion. Wichtigste Rebsorten sind Blaufränkisch, Zweigelt, Merlot, Cabernet franc und Kadarka. Die Rotweine haben
elegante Säuren, eine feine Struktur, milde Tannine und viele Obstaromen.
Region 20: Eger
Weit über die Grenzen Ungarns bekannte Weinregion; Heimat des Erlauer Stierbluts (Egri bikavér). Grundlegend sich
verändernde Region, dank junger, ambitionierter Winzer.
Regionen mit Anbau von sowohl roten wie weißen Rebsorten
Region 12: Tolna
Mittelgroße sonnenreiche, noch verhältnismäßig junge Region zu etwa
Zweidrittel mit weißen Rebsorten bebaut. Typisch sind Dörfer mit
Kellerreihen.
Region 15: Villány Neben Tokaj und Eger die berühmteste Weinregion Ungarns. Berühmteste Rotweinregion des Landes mit Bordeaux-ähnlichen Weinen, die
in internationalen Blindverkostungen regelmäßig Spitzenplätze erzielen. Heimat der berühmtesten Winzer Ungarns.
Region 16: Hajós-Baja
Mittelgroße Weinregion zu etwa Zweidrittel mit weißen Reben bepflanzt.
Produziert werden überwiegend Tafelweine. Zentrum des Weintourismus
ist die Ortschaft Hajós mit ihren denkmalgeschützten Kellerstrassen.
Diese Regionen sind der besseren Übersicht halber auf nachfolgender
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Interaktive Karte mit den Weinregionen und den wichtigsten Weinorten Ungarns