Bauten und Denkmäler der Kunstgeschichte in Ungarn
Wir haben der besseren Übersicht halber die Bauten und Denkmäler der ungarischen Kunstgeschichte
in 13 Stilepochen unterteilt (siehe die nachfolgende Liste). Wenn Sie in der Liste auf das für die jeweilige Stilepoche hervorgehobene Wort klicken, werden Sie zu einer neuen Seite mit einer interaktiven Karte weitergeleitet,
auf der die Ortschaften mit Bauten / Denkmälern der betreffenden Stilepoche eingetragen sind.
Zur Zeit der Ungarischen Landnahme (896) waren bereits die meisten
Bauten der Römer und slawischen Völker in Ungarn nur noch als Ruinen
erhalten. Zu den römischen Relikten zählen die größte Ausgrabungsstätte
Ungarns in Tác-Gorsium
sowie die ehemalige Römersiedlung Aquincum in Óbuda.
Ein Beispiel slawischer Architektur sind die Grundmauern der dreischiffigen
Basilika in Zalavár.
Die Anzahl dieser Relikte war jedoch sehr gering. Als die Ungarn
daher unter ihrem ersten König, dem Heiligen Stefan, um das Jahr
1000 ihren christlichen Feudalstaat gründeten, mussten sie praktisch
von Null auf ihrem Land eine neue Architektur geben.
Das Jahr 1000 deckt sich zeitgleich mit dem Beginn der Romanik in
Europa. Die Einführung des Christentums in Ungarn war begleitet
von der Errichtung von Kirchen im ganzen Land - laut einem königlichen
Gesetz musste auf zehn Dörfer eine Kirche gebaut werden -,
zehn Bischofskirchen (u.a. in Pécs),
einigen Benediktinerklöstern sowie der Krönungs- und Bestattungsbasilika
in Székesfehérvár.
Alle dieser Bauten sind nur noch in Dokumenten oder in Form von
Grundmauern erhalten geblieben. Die Kathedrale in Székesfehérvár
war eine monumentale, dreischiffige Basilika; sie stand noch Anfang
der Türkenherrschaft wurde dann aber Ende des 18. Jahrhunderts abgerissen,
um dem heutigen Bischofspalais Platz zu machen. Die Kathedrale in
Pécs mit ihren vier Ecktürmen wurde 1064 durch Feuer zerstört.
Andere nur in Dokumenten erwähnte oder anhand von Grundmauern erhalten
gebliebene Bauten aus jener Zeit sind die Kathedrale in Kalocsa
und die Benediktinerabtei in Pannonhalma.
Erhalten geblieben sind u.a. die Krypta in der Pfarrkirchen in Feldebrö
und in Tihany,
beide aus dem 11. Jh.
Die erste Phase der Hochromanik in Ungarn reichte vom Ende des 11.
Jahrhunderts bis Ende des 12. Jahrhunderts. Zunächst dominierte
der deutsche und dalmatinische Einfluss auf den Baustil; gegen Ende
der Periode machte sich der französische Einfluss jedoch immer mehr
bemerkbar. Die Periode von Ende des 12. Jahrhunderts bis zum Mongolensturm
(1241) gilt als das goldene Zeitalter der späten romanischen und
frühen gotischen Kunst in Ungarn. Eindrucksvolle Beispiele sind
vor allem die gewaltigen Sippen- und Geschlechterkirchen mit angeschlossener
Abtei oder Propstei, mit denen der Hochadel seine Macht zur Schau
stellen wollte. Waren die Klöster zunächst noch in den
Händen der Benediktiner, gewannen ab Anfang des 13. Jahrhunderts
die Zisterzienser (eindrucksvollstes Beispiel ist die Abteikirche
in Bélapátfalva)
und danach die Prämonstratenser an Bedeutung.
Die erste aus dieser Gattung der Sippen- und Geschlechterkirchen
ist die Kirche in Lébény
(1202-1208); die bedeutendste und eindrucksvollste ist die Kirche
in Ják
(gestiftet 1214), die bereits Stilelemente der Benediktiner und
Zisterzienser vereint. Die dritte Kirche, die mächtige Kirchenruine
in Zsámbék
(1220-1258), ist ein Meisterwerk des Übergangs von der Romanik zur
Gotik. Sie steht bereits unter dem Einfluss der Prämonstratenser.
Vor dem Mongolensturm gab es schätzungsweise 90 solcher Bauten.
Allen gemeinsam ist der Dreierrhythmus aus dreischiffiger Basilika
ohne Querschiff mit drei halbkreisförmigen Apsiden und wuchtigen
Zwillingstürmen.
Neben diesen großartigen und mächtigen Relikten sind noch weitere
vorwiegend dörfliche sakrale Bauten des romanischen Stils in Ungarn
erhalten geblieben wie z.B. die Kirchen in Ócsa,
Egregy,
Csempeszkopács,
Velemér, Öriszentpéter,
Mánfa und Csaroda. Einen Sondertyp spätromanischer
Kirchen bilden Zentralbauten wie am Beispiel der Kirchen in Karcsa,
Kiszombor, Kallósd und
Szalonna.
Ärgerlich: Kirche geschlossen
Leider steht man bei Kirchen in der ungarischen Provinz oft vor
geschlossenen Pforten bzw. muss man sich - wie im
Bild oben - mit einem Blick durch das Gitter begnügen. Manchmal
kann ein an der Pforte angebrachter Zettel mit einer Telefonnummer
weiter helfen. Oder der Gang zur Pfarrei bzw. dem Bürgermeisteramt.
Das Stichwort "templom" in Verbindung mit der bewundernswerten
Hilfsbereitschaft der Belegschaft können dort Wunder bewirken.
Der Mongolensturm bedeutete nicht nur eine soziale nationale
Katastrophe, sondern auch eine kunsthistorische Zäsur: er war
der Anfang zum Ende der Romanik in Ungarn - die Spätromanik überdauerte
in weiten Landesteilen das gesamte 13. Jahrhundert - und läutete
das gotische Zeitalter in Ungarn ein. Die kirchliche Gotik - Wegbereiter
waren die Bettelorden, Franziskaner und Dominikaner - und die
bürgerliche Gotik verbreiteten sich zunächst Seite an Seite. Erst
ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bestimmte das Herrscherhaus
zunehmend auch den Kirchenbau.
Leider sind nur wenige gotische Bauten in Ungarn erhalten geblieben.
Die meisten sind der türkischen Besatzung zum Opfer gefallen. Am
besten erhalten sind gotische Bauten in Regionen, die von den Türken
nicht besetzt waren, die aber nicht mehr zum heutigen Ungarn gehören
wie in Teilen der Slowakei und in Transsylvanien im heutigen Rumänien.
Auf dem Gebiet des heutigen Ungarns sind als Zeugen der Gotik zu
nennen die Matthiaskirche
in Budapest (sie wurde allerdings mehrmals verändert), der Königspalast
in Visegrád, die Hallenkirchen in Sárospatak,
Miskolc und Köszeg,
der Kreuzgang der Benediktinerabtei in Pannonhalma, die St.-Georgskirche
in Nyírbátor und die Franziskanerkirche in Szeged
sowie schließlich, als Beispiel eines profanen gotischen Bauwerks, das Burgschloss
Diósgyör bei Miskolc.
In Mitteleuropa und in weiten Teilen Ungarns blühte noch die Gotik,
als König Matthias Corvinus (1458-90) und seine aus Italien stammende
Gemahlin den königlichen Hof zu Buda und Visegrád zum ersten und
prunkvollsten Zentrum der florentinischen Frührenaissance nördlich
der Alpen gestalteten. Außerhalb des Königshofs konnte sich die
Renaissance jedoch kam durchsetzen. Außerdem ereilte die meisten
Renaissancekunstwerke das gleiche Schicksal wie jene der Gotik:
sie fielen der Türkenbesatzung zum Opfer. Der legendäre Renaissancepalast
in Buda samt seiner Bibliothek wurden zerstört. Erhalten geblieben
sind die Bakócz-Kapelle im Dom zu Esztergom,
die Sakramentsnische in der Innenstädtischen Pfarrkirche in Budapest,
Teile des Königspalasts in Visegrád
sowie, als Beispiele der Spätrenaissance, die Lorántffy-Loggia
des Burgpalasts in Sárospatak
bzw. die Burgschlösser in Pácin
und Sárvár.
Mit den Türken kam auch die osmanische Architektur in Gestalt von
u.a. Moscheen, Minaretten, Türben und Bädern nach Ungarn. Die meisten
dieser Bauwerke - die Geschichte wiederholt sich - fielen nach dem
Abzug der Türken (1686) christlicher Intoleranz zum Opfer. Die erhalten
geblieben sind - einige Moscheen in u.a. Pécs, Siklós
und Esztergom, Minarette in Eger und Érd,
Türben in Buda und Pécs sowie Bäder
in Buda - überzeugen weniger durch ihren künstlerischen Wert als
durch die Tatsache, dass sie die am weitesten nach Norden außerhalb
des Orients gelegenen Bauwerke ihrer Art sind.
Auf die Türken folgten die Habsburger und mit ihnen die Gegenreformation.
Diese wiederum nutzte die sakrale Kunst und zwar die Pracht des
Spätbarock als Werkzeug. Die Gegenreformation und mit ihr der
Spätbarock stießen auf verbreiteten Widerstand in Ungarn und konnten
sich vornehmlich nur in den katholischen Landesteilen, d.h. in
West- und Nordungarn einbürgern. (Der aus Italien Anfang des 17.
Jahrhunderts stammende Frühbarock konnte sich nur in den westlichen,
von den Türken nicht kontrollierten Landesteilen begrenzt durchsetzen.
Ein Beispiel ist die Karmeliterkirche in Györ).
Die spätbarocke Bautätigkeit ab Anfang des 18. Jahrhunderts umfasste
als Ausdruck des Stolzes über den Triumph der Gegenreformation
vor allem Bischofsresidenzen, Schlösser und Kirchen. Unter den
zahlreichen Beispielen sind insbesondere folgende hervorzuheben:
die Bischofsresidenzen in Székesfehérvár,
Veszprém
und Eger;
das Schloss Esterháza in Fertöd
sowie die Schlösser im Ungarischen Barock, den sogenannten
Grassalkovich-Typ, in Gödöllö
und Hatvan;
die Universitätskirche
und die St.-Annenkirche
in Budapest, die Minoritenkirche in Eger,
der Dom in Kalocsa,
die Abteikirche in Tihany
und die Pfarrkirche in Sümeg
Das Reformwerk Kaiser Joseph II., insbesondere die Einführung von
Deutsch als Amtssprache, löste in Ungarn landesweite Empörung aus
und legte den Keim zum ungarischen Nationalismus. Auf dem Gebiet
der Kunst benötigte der erstarkende ungarische Nationalismus neue
Ausdrucksformen und zwar weg vom barocken Prunk der Habsburger hin
zum vornehm-zurückhaltenden Frühklassizismus. Der Nationalismus
machte sich vor allem in protestantischen Kreisen breit und so wurde
Debrecen, die Hochburg des Kalvinismus, früh eine Hochburg des neuen
Stils. Ab 1825 konnte sich der Klassizismus dann, mit Ausnahme vom
katholischen Westungarn, im ganzen Land durchsetzen. Die besten
Beispiele dieses Stils sind das Nationalmuseum
in Budapest, die beiden größten Dome Ungarns in Esztergom
und Eger,
die Komitatshäuser in Pest,
Debrecen
und Szekszárd
sowie die Schlösser in Dég
und Csákvár.
Nach der gescheiterten Revolution 1848/49 folgte das Zeitalter der
Romantik mit seiner Hinwendung zu nationalen Vergangenheit. Hierzu
schienen orientalische und byzantinische Stilelemente am besten
geeignet. Zwei herausragende Beispiele dieser Kunstrichtung sind
die Redoute in Budapest sowie das Csokonai-Theater in Debrecen.
Um 1870 wurde die Romantik vom Historismus abgelöst. Er bedeutete
eine Wiederbelebung aller vergangener Stilrichtungen und entstand
unter dem Einfluss der öffentlichen Hand und des erstarktem Großbürgertums.
Das Ergebnis waren prunkvolle Palais, Mietshäuser und Boulevards.
Der Historismus erlebte vor allem nach 1873 in Budapest, nach
der Vereinigung der drei Städte Buda, Pest und Óbuda, seine Glanzperiode
(u.a. mit der Staatsoper
und den großen Radialstraßen). Aber auch in der Provinz entstanden
herausragende Bauten, wie z.B. die neoromanischen Dome in Pécs
und Szeged.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert ebbte der Historismus mit dem eklektischen
Historismus aus, bei dem die verschiedenen Stilrichtungen nicht
mehr rein sondern bunt durcheinandergemischt dargestellt werden.
Bekannte Beispiele sind auch hier in Budapest zu finden in Gestalt
des königlichen Schlosses,
Café
New York, dem Parlamentsgebäude
und der Fischerbastei.
Um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts suchte ganz Europa nach
neuen Kunstformen. Grundlegend waren die Forderungen nach Wiederbeleben
alter Handwerkstraditionen und Umsichtnahme auf Brauchbarkeit. Der
aus diesen Bestrebungen hervorbrechende neue Stil nannte sich Jugendstil
in Deutschland und Sezession in Wien und Osteuropa.
In Ungarn erhielt der Jugendstil seine eigene nationale Ausrichtung
und seine Anfänge fielen etwa zeitgleich mit dem Millennium von
1896 zusammen. Der ungarische Jugendstil besinnt sich auf die
östliche Vergangenheit der Magyaren und sieht in der Volkskunst die
Wurzeln der Vergangenheit. Folglich bedient er sich ungarischer
Volkskunstmotive und vermischt diese mit orientalischen Stilelementen.
Federführend bei der Entwicklung des ungarischen Jugendstils war
der Architekt Ödön Lechner. Typisch für seine Bauwerke
sind Majolika-Verkleidungen der Fassaden, Dächer und Firste etc.
Die bekanntesten Beispiele sind in Budapest die ehemalige Postsparkasse,
das Geologische
Institut und das Kunstgewerbemuseum,
sowie in der Provinz das Rathaus in Kiskunfélegyháza,
der Bunte
Palast und das Rathaus
in Kecskemét sowie die neue Synagoge
und das Iris-Haus
in Szeged.
Im Zuge der Ausbreitung der Reformation in Ungarn im 16. Jh. wurden
zahlreiche katholische Kirchen den Bedürfnissen der reformierten
angepasst: Fresken wurden zerstört oder übertüncht, Altäre und Tafelbilder
entfernt und Holzgalerien eingezogen. Typisch sind die freistehenden
hölzernen Glockentürme mit auskragendem Dach und schlanken Turmhelmen.
Beispiele dieser Kirchen stehen in Nyírbátor,
Boldva, Szalonna,
Vizsoly und Csaroda.
Seit dem späten 18. Jahrhundert wurden von den Reformierten zunehmend
einfache Saalkirchen in den Gemeinden errichtet. Äußerlich unterscheiden
sie sich wenig von den um jene Zeit errichteten Kirchen der Katholiken.
Das Innere imponiert aber oft durch seine vorzügliche Ausstattung
an mit ungarischer Volkskunst verzierten Kassettendecken, Emporen,
Kanzel, Priesterstuhl und Abendmahltischen. Schöne Beispiele sind
die Kirchen in Csaroda, Tákos,
Szenna, Drávaiványi,
Vajszló und
Kovácshida.
Der Vielvölkerstaat Ungarn besitzt eine Vielzahl an christlich-orthodoxen
Kirchen. Die meisten folgen äußerlich dem Stil katholischer spätbarocker
Saalkirchen mit einem Westturm. Das Innere allerdings ist anders
mit Chor (für die Priester und Diakonen), Schiff (für die Laien)
und Vorhalle. Die Ikonostase (Bilderwand) trennt den Chor vom Schiff.
Die schönsten Beispiele solcher Kirchen stehen in Budapest, Szentendre,
Grábóc, Miskolc,
Székesfehérvár und Eger).
Synagogen sind in Ungarn nur noch wenige erhalten geblieben. Viele
sind zudem zweckentfremdet. Sehenswerte Bauten stehen in Sopron
(gotisch), Baja,
Budapest, Kecskemét,
Szombathely, Pécs (Historismus) und Szeged (ungarischer Jugendstil).
Die ungarische organische Architektur erlebte ihre Geburt als neue
Kunstgattung in der Architektur in Ungarn Mitte des 20. Jahrhunderts.
Maßgeblich beteiligt an ihrer Entstehung und weiteren Entwicklung
war der Architekt Imre Makovecz (1935-2011).
Der Begriff "organisch" betont die Harmonie von Gebäude und Landschaft.
Er bezieht sich weniger auf die Baumaterialien als auf die Form.
Zwar ist Holz ein wichtiges Baumaterial, aber auffallend ist die
Form: die Bauten erinnern an Tiere oder Pflanzen. Auffallend ist
auch die Neigung zur Skulptur: viele der Bauten sind überdimensionale
Skulpturen.
Bedeutende Bauwerke dieser Stilrichtung stehen in Paks,
Siófok,
Sárospatak, Szazhalombatta,
Makó und Szigetvár.
Quellen:
Lajos Németh: A Concise History of Hungarian Art. Corvina Press
1976. ISBN 963 13 3065 6
Reinhardt Hootz: Kunstdenkmäler in Ungarn. Deutscher Kunstverlag 1980. ISBN 3 422 00363 0.
Anneliese Keilhauer: Kultur und Kunst im Land der Magyaren. DuMont 1996. ISBN N 3-7701 2096-5.